#DMWKaffee mit Niddal Salah-Eldin über Trolle, Hate und Humor als Einstellungskriterium

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cFouunllIn der Reihe #DMWKaffee mit… gehen Autorinnen dieses Blogs mit inspirierenden Frauen aus der Digitalbranche einen Kaffee trinken. Für diese Folge hat Christiane Brandes-Visbeck vom Hamburger Quartier Niddal Salah-Eldin über Gott und die Welt ausgefragt.

Niddal Salah-Eldin wurde mit 30 Jahren Ressortleiterin Social Media bei DIE WELT. In diesem Interview beschreibt die 31-jährige Berlinerin, wie ihr Arbeitsalltag aussieht, wie sie mit Hass umgeht, und was sie beruflich machen will, wenn sie einmal groß ist.

Christiane Brandes-Visbeck: Niddal, du bist Head of Social Media bei DIE WELT. Hört sich nach einem Traumjob an. Wie sieht dein Alltag aus? Was ist toll, was könnte besser sein?

Auf einen #DMWKaffee mit Niddal (Foto: DIE WELT)

Auf einen #DMWKaffee mit Niddal Salah-Eldin (Foto: Selfie)

Niddal Salah-Eldin: Es ist toll, dass ich mich jeden Tag mit unterschiedlichen Themen befassen kann und kein Tag wie der andere ist. Ich behalte am Social-Desk den Überblick, tausche mich mit meinen Kollegen über Themen und Teasings aus, schreibe zwischendurch mal Kommentare, treffe mich mit der Chefredaktion, bereite einen Workshop vor, bastele an einer Präsentation für die Geschäftsführung, mache ein Posting und bin kurz danach im Haus als Social-Beraterin unterwegs. Das ist sehr vielfältig und macht auf jeden Fall Spaß – auch wenn es nicht ganz unstressig ist.

Christiane: Du hast einige Jahre bei TV-Sendern u.a. in Mainz, New York und Washington, D.C. gearbeitet, bist anschließend auf die Kommunikationsschiene gewechselt und hast Social Media „gelernt“. Heute bist du als Leitende Redakteurin beschäftigt. Damit ist dir etwas gelungen, was im Allgemeinen als schwierig gilt: Von der Kommunikation zurück in den Journalismus. War das bei deiner Einstellung ein Thema? 

Niddal: Nein, ganz im Gegenteil. Mein Ausflug in die Beratungslandschaft hat ja nur knapp 1,5 Jahre lang gedauert. Davor habe ich ja jahrelang auf der redaktionellen Seite Erfahrung gesammelt.

Wir sind Teil der Redaktion, sodass neben dem Community Management immer auch klassische redaktionelle Aufgaben wie Themenrecherche und Verifikation anliegen.

In der Beratung habe ich Dinge gelernt, die mir heute in der Redaktion helfen. Multitasken, unter Druck lösungsorientiert und zielgerichtet arbeiten, analysieren, priorisieren – und nicht zuletzt ganz viel Social-Media-Knowhow, das ich mir in meiner Agenturzeit und während meiner Ausbildung zur Social-Media-Managerin angeeignet habe.

Bei uns macht man ja sehr viel mehr als Community Management. Ein Hochschulstudium und/oder ein abgeschlossenes Volontariat sind Grundvoraussetzung. Um bei uns Social-Media-Redakteur zu werden, braucht man neben hervorragender Social-Kompetenz vor allem Humor, Gelassenheit, ein dickes Fell, Empathie, ein Verständnis für Zahlen und ein gutes Gespür für Pop- und Netzkultur.

Christiane: Auf deinem XING-Profil beschreibst du dich so:

„Medien, Meinungen, Zeitgeist, Journalismus, Popkultur & Virales. Bei der Post bekannt als Herr Dallah-Edin.“

Das zeugt von Humor. War Humor ein Einstellungskriterium? Was bewirkt er in deinem Joballtag?

Niddal: Humor und Seriosität widersprechen sich aus unserer Sicht nicht. Unsere Community weiß: Wir sind ernst, wenn es angebracht ist.

Social ist Echtzeit: Unsere Reaktionen leben von Schnelligkeit und Spontaneität, das macht ja den Reiz für uns und für unsere Community aus. Natürlich nehmen wir uns bei bestimmten Themen auch mehr Zeit und schreiben ausführliche und rein informative Kommentare.

Humor kann ich niemandem beibringen. Daher ist er neben vielen anderen Faktoren bei uns tatsächlich eine Einstellungsvoraussetzung.

Insgesamt sind wir mit unserer Strategie aus socialoptimierten Inhalten und einem ganz besonderen Community Management sehr erfolgreich. Wir haben uns beispielsweise auf Facebook in nur zwei Jahren fast vervierfacht – und das ganz organisch.

Unser Social-Media-Traffic hat sich übrigens auch vervielfacht. Jetzt erleben wir, dass uns andere Redaktionen und auch Unternehmen imitieren – ein schönes Kompliment. 😉

Christiane: Verdient ;). Welche Social-Kommunikation mit euren Lesern hat dich am meisten bewegt? Hast du davon einen Screenshot für uns? Magst du erzählen, was dich daran besonders begeistert, berührt, verärgert oder nachdenklich gestimmt hat?

Es ist toll zu sehen, wie dankbar und froh unsere Leser sind, dass wir uns mit Elan ins Kommentargewusel stürzen. Das motiviert uns immer wieder und zeigt, dass es sich lohnt, das Internet aufzuräumen – auch wenn es anstrengend ist.

Screenshot Postings DIE WELT

 

Uns ist es wichtig, uns mit den wertvollen Lesern zu beschäftigen und nicht zu viel mit Hetzern und Trollen. Im Sommer haben wir zum dritten Mal ein paar Leser zum analogen WELT-Community-Treff eingeladen. Wir waren im Newsroom und sind abends noch zusammen essen gegangen. Das war toll!

Christiane: Welches ist deine liebste Social-Media-Plattform – und warum?

Niddal: Ich bin am liebsten bei Facebook unterwegs. Information, Unterhaltung, Freunde, Familie, Kollegen – alles an einem Ort. Ich bekomme mit, was meine Verwandten im Sudan machen. Neuerdings streamen sie übrigens via Facebook Livestream und grüßen erstmal alle Bekannten im In- und Ausland. Nebenbei kann ich sehen, auf welcher Dachterrasse meine Freunde aus den USA gerade den Sonnenuntergang beobachten, was meine Kollegen so treiben und wie ich mir innerhalb von zwei Minuten mit der Hauptzutat Cheddar irgendwas “kochen” kann. In der Kombination ist das einfach unschlagbar!

Facebook ist nur so gut, wie die eigene Kontaktliste. Daher akzeptiere ich dort nur Anfragen von Menschen, die ich aus dem analogen/digitalen Leben zuordnen kann – sonst wird es schnell zu unübersichtlich und unpersönlich.

Christiane: Du hast einen für deutsche Ohren fremd klingenden Namen, bist im Sudan geboren, dennoch eine ganz „normale“ Deutsche. Wie wirkt sich diese Konstellation auf dein Leben aus? Bist du die Vorzeige-Frau für Diversity bei der WELT oder wissen die Jungs, was sie an dir haben? 😉

Niddal: Ich werde hier extrem wertgeschätzt und bin auch nicht die Quoten-Frau oder Quoten-Migrantin. Ich wollte schon immer über Leistung weiterkommen. Meine Beförderung hat nichts mit meiner Hautfarbe zu tun, sondern mit meiner Leistung.

In meiner Zeit bei der WELT habe ich nicht eine Sekunde lang gedacht, dass ich hier nicht für voll genommen werde, weil ich Migrantin bin. Ich will einfach meine Arbeit machen und mich im beruflichen Kontext in erster Linie darüber definieren.

Christiane: Wir Digital Media Women setzen uns für mehr Vielfalt und Teilhabe von Frauen in allen Bereichen des Lebens ein, also für gleiche Rechte und Pflichten für alle Menschen – jeden Geschlechts, jeder Hautfarbe und jeglichen Glaubens. Unsere Vision dazu haben wir in unserem Leitbild verankert.

Menschen in Deutschland für Diversity zu begeistern und sie von einem fairen Umgang miteinander zu überzeugen, erscheint dieser Tage fast utopisch. Auch du kennst das Thema. Bis vor kurzem hattest du einen Tweet an dein Twitter-Profil @Nisalahe geheftet, der liest sich so:

Hast du eine Strategie entwickelt, mit der du offenen Anfeindungen oder versteckten Diskrimierungen begegnen kannst?

Niddal: Es hilft manchmal schon, Dinge auf Twitter und Co. öffentlich zu machen, sich also nicht alles stillschweigend gefallen zu lassen. An den Reaktionen merkt man dann, dass die Hetzer in diesem Land nicht in der Mehrheit sind.

Ansonsten gilt bei mir, dass ich gerne auch zurücktrolle. Mein Motto dazu: „Wenn man sie schon nicht überzeugen kann, muss man sie verstören.“ Wenn mich jemand von der Seite anmacht, muss er mit einer Reaktion rechnen. Trolle und Hetzer sind meistens eher ironiebefreite Zeitgenossen. Die können mit Humor meistens gar nicht umgehen.

Als Zuckerbäckerin mit 40 unter 40? (Foto: privat)

Christiane: Du bist Vollblut-Journalistin, wurdest vom Medium Magazin 2015 unter die TOP 30 bis 30 gewählt, gibst spannende Fachinterviews, blickst für die Zukunft des Journalismus in eine Kristallkugel und trittst bei Medien-Konferenzen als Social-Media-Expertin auf.

Was möchtest du im beruflichen Leben noch erreichen?

Niddal: Vielleicht werde ich eines Tages Zuckerbäckerin und mache dann bei Top 40 unter 40 Puddingteilchen mit.

Alternativ mache ich mal eine Troll-Farm auf – oder werde Dompteurin, wobei… das bin ich ja schon jetzt irgendwie.

Christiane: Apropos Dompteurin. Auf dem Scoopcamp 2016 in Hamburg leitest du mit Joachim Dreykluft und Miriam Richter vom shz-Verlag einen Social-Media-Workshop für Journalisten. Warum fällt es vielen Kollegen noch immer schwer, mit den Sozialen Netzwerken zu arbeiten?

Niddal: Viele Kollegen sind hier schon seit Jahren in den Sozialen Netzwerken unterwegs. Ich muss in der WELT-Redaktion niemandem erklären, warum Social Media wichtig ist. Bei der WELT sind wir schon lange nicht mehr im Erklärbär-Stadium, sondern es geht um Optimierung. Das ist toll.

Es funktioniert übrigens nicht, wenn man jemanden zur Nutzung von Social Media zwingen will. Man muss den Leuten ganz einfach zeigen, was das für ein Schatz ist, wie sie davon profitieren können.

Christiane: Zum Schluss wollen auch wir #DMW von deinem Erfahrungsschatz profitieren: Gibt es eine Message, die du uns auf den Weg geben möchtest?

Niddal: Nie vergessen: Umwege erhöhen die Ortskenntnis!

Christiane: Haha, das passt. 😉 Vielen Dank, liebe Niddal, für dieses unterhaltsame Gespräch. Wir sehen uns auf dem Scoopcamp in Hamburg.

 

WEnn ihr NIddal live erleben möchtet

… kommt am 29. September ins Kehrwieder Theater in der Hamburger Speicherstadt zum Scoopcamp 2016, dem Innovationscamp für Medien von nextmedia.Hamburg und der dpa.

Hier einige der Programm-Highlights – neben Niddals Social-Media-Workshop natürlich:

Logo_Scoopcamp_2016

Die regulären Tickets für das Scoopcamp kosten 159 Euro und können hier bestellt werden.


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