#DMWkaffee mit Suzanna Randall: Wir verbauen den Kindern die Zukunft, wenn wir sagen „Du kannst Friseurin oder Kindergärtnerin werden.“

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In unserer Blog-Reihe #DMWKaffee mit… gehen Autorinnen des Blogs mit interessanten Frauen aus der Digitalbranche einen Kaffee trinken und führen ein lockeres Gespräch. Diesmal trafen sich Julie Berger und Barbara Gremmler aus dem Münchner #DMW Quartier mit Dr. Suzanna Randall von „Die Astronautin“, die als erste deutsche Frau in den Weltraum fliegen will.

Suzanna magst du dich bitte kurz vorzustellen – gerne auch mit drei Hashtags?

Portraitbild von Suzanna Randall, die als erste deutsche Astronautin in den Weltraum fliegen will
Suzanna Randall
Copyright: Die Astronautin

Suzanna Randall: Mein Name ist Suzanna Randall. Ich bin promovierte Astrophysikerin und arbeite seit 13 Jahren als Forscherin bei der Europäischen Südsternwarte in Garching (ESO) für das ALMA Teleskop Projekt. Das ALMA Teleskop ist ein Millimeter Teleskop in Chile, das im Volksmund auch Radioteleskop genannt wird. Ich bin wissenschaftliche Leiterin und zuständig für die Softwareentwicklung – das heißt: Ich manage den Entwicklungsprozess.

Darüber hinaus bin ich seit zwei Jahren bei der privaten Initiative „Die Astronautin“ dabei, um als erste deutsche Frau in den Weltraum zu fliegen.
Meine Hashtags sind: #Neugier, #Wissenschaft, #Kompetenz.

Die Stiftung „Erste deutsche Astronautin gGmbH“ hat sich – wie du gerade erwähnt hast – das Ziel gesetzt, die erste deutsche Astronautin ins Weltall zu schicken. 400 hoch qualifizierte Bewerberinnen meldeten sich für das Auswahlverfahren an. Insa Thiele-Eich und du seid nun die Finalistinnen. Welche Eigenschaften sind deiner Meinung nach ausschlaggebend dafür, dass du jetzt Astronautinnen-Trainee bist?

Suzanna: Ich denke, das Wichtigste ist, es sich zuzutrauen und sich zu bewerben – also Mut zu haben und zu machen.
Beim Auswahlprozess unter den vielen qualifizierten Bewerberinnen ging es bei „Die Astronautin“ auch um Eigenschaften wie kognitive Leistungsfähigkeit, emotionale Stabilität und die Fähigkeit, gut mit anderen Menschen klarzukommen – denn in Raketen bewegt man sich auf sehr engem Raum.

Eine stabile Gesundheit ist ebenfalls von großer Bedeutung. Ein Leistungssportler muss man aber nicht sein. Das ist sogar eher hinderlich.

Ebenso stimmt die Aussage „Männer sind die besseren Astronauten“ heute nicht mehr. Viel wichtiger als die physische Kraft – die zu Beginn der Raumfahrt sicherlich nötig war – sind heute Softskills wie die Multitasking Fähigkeit, Konfliktfähigkeit und Teamfähigkeit. Also Fähigkeiten, die in der Regel uns Frauen zugeschrieben werden. Das wird in der Öffentlichkeit oft vergessen.

Die Ausbildung zur Astronautin ist knallhart und erfordert Mut. Trotzdem berichten viele Medien über die Kampagne „Die Astronautin“ wie über einen Schönheitswettbewerb – beispielsweise mit Schlagzeilen wie: „Ich wäre so gern Miss ISS“ oder „Miss Universe!“. Ärgert dich das?

Suzanna: Zu Beginn der Bewerberauswahl, als noch sechs Kandidatinnen im Rennen waren, war diese Art der Berichterstattung extrem – obwohl die Auswahl vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) geleitet wurde und wir die gleichen Tests wie z.B. Alexander Gerst durchlaufen mussten. Meine Art, mit dieser Berichterstattung umzugehen, ist, es mit Humor zu nehmen.
Seit wir nun zwei Astronautinnen sind, ist die Berichterstattung sachlicher geworden. Wir werden ernster genommen.

Bevor ich bei „Die Astronautin“ war, hatte ich das Gefühl, es passt doch alles mit der Gleichberechtigung. Jetzt merke ich, wie das Ungleichgewicht in der Gesellschaft noch verankert ist. Zum Beispiel werden Mädchen in den Schulen oft gehänselt, wenn sie sich für Physik und Astronomie interessieren. Oder ich werde in Interviews gefragt: „Auf was müssen Sie denn jetzt als Astronautinnen-Trainee verzichten?“ Bei den Interviews mit Männern tauchen diese Fragen nicht auf. Auch Fragen nach dem Alter oder dem Familienstand werden Männern in diesem Zusammenhang nicht gestellt. Ich mag diese Fragen deshalb auch nicht.

Mir kam nie in den Sinn, dass ich nicht Astronautin werden könnte.

Wie ist bei dir der Wunsch entstanden, Astronautin zu werden?

Suzanna: Bei mir ist der Wunsch, Astronautin zu werden, immer schon da gewesen. Mir kam auch nie in den Sinn, dass ich das nicht werden könnte. Rückblickend finde ich es aber schon erstaunlich, dass sich mein Werdegang zur Astronautinnen-Trainee so durchgezogen hat.
So habe ich seit jeher einen großen Entdeckergeist. Als ich noch kleiner war, wollte ich zum Beispiel auch Piratin werden, um Neues zu entdecken. Heute reise ich gerne und finde es interessant, in unbekannte Sphären vorzustoßen.
Auch den Nachthimmel und die vielen Sterne fand ich immer schon interessant. Beispielsweise habe ich früher gerne Planetarien besucht. Mein Umfeld hatte daran kein Interesse. Es war aber auch keiner da, der mir das ausgeredet hätte. Auch zu Hause musste ich nicht darum kämpfen, meinen Weg zu gehen. Andererseits war ich auch nicht der Star Trek Nerd oder sonst irgendwie als Außenseiterin abgestempelt, sondern ich bin ganz normal aufgewachsen. Allerdings konnte man meine Faszination für den Weltraum an meinem Zimmer ablesen: Dort hing eine bunte Mischung aus Postern von Bon Jovi, Beverly Hills 90210 und von Planeten.

Du hast in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk gesagt, dass du als Kind mit einem Astronauten eine männliche Playmobilfigur und eine eher abstrakte Figur verbunden hast. Welchen Symbolcharakter schreibst du deiner heutigen Rolle als „Astronautin“ zu?

#DMWkaffee mit... Julie Berger, der angehenden Astronautin Suzanna Randall und Barbara Gremmler
#DMWkaffee mit… Julie Berger, Suzanna Randall und
Barbara Gremmler (v.l.)
Copyright: Julie Berger

Suzanna: Ich hoffe, dass ich in meiner Rolle als Astronautin Interesse für technische Berufe wecke. Ich möchte zeigen, dass man ein normales Leben führen und trotzdem Interesse für Astrophysik und die Wissenschaft haben kann. Das heißt, man muss keine Überfliegerin und kein „Mannweib“ sein, um einen technischen Beruf zu haben. Ich persönlich bin ja auch eher klein und mädchenhaft.
Außerdem wird Technik immer wichtiger und wir verbauen den Kindern die Zukunft, wenn wir ihnen sagen: „Du kannst Friseurin oder Kindergärtnerin werden.“ Ich erzähle gerne über die Astrophysik, um zu zeigen, dass auch das ein interessanter Beruf ist.
Was die Playmobilfigur aus meiner Kindheit betrifft: Diese war als solche einfach da. Ich habe sie nicht hinterfragt. Heute finde ich es allerdings wichtig, dass auch bei den Spielsachen beide Geschlechter abgebildet werden und das als natürlich dargestellt wird.

Siehst du dich als Rolemodel dafür, Berufsziele oder auch andere „Träume“ wahr werden zu lassen? Was können sich andere Frauen und Männer in diesem Zusammenhang von dir abschauen?

Suzanna: Ich hoffe, ich kann ein Rolemodel dafür sein, seine persönlichen Berufsziele zu erreichen und stolz darauf zu sein. In der Wissenschaft gibt es viele hochrangige, gutdotierte Frauen, die unter dem sogenannten Impostor-Syndrom leiden. Sie glauben, sie hätten Glück gehabt, dass sie da sind, wo sie sind. Das erlebe ich immer wieder. Wir Frauen sollen uns aber nicht schämen für das, was wir beruflich geschafft haben. Wir dürfen uns durchaus hinstellen und dazu stehen.
Abschauen kann man sich von mir vielleicht, dass es wichtig ist, nicht aufzugeben. Damit meine ich jetzt nicht, verbissen an etwas festzuhalten, sondern vielmehr sein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren und zu schauen, wie und wo man vorwärtskommen kann. Ich bin zum Beispiel bei der Astronauten-Auswahl der ESA 2008 durch den kognitiven Test gefallen, weil ich diesen zu sehr auf die leichte Schulter genommen und mich nicht gut vorbereitet habe. Das hat mich im Nachhinein sehr geärgert. Aber ich habe nicht aufgegeben und bin erstmal nach Japan gegangen. Bei „Die Astronautin“ habe ich jetzt eine zweite Chance bekommen.

Wir stellen den Status Quo in Frage.

Wie aufwändig ist die Ausbildung zur Astronautin und wie viel Aufwand erfordert die parallel dazu laufende Promotionarbeit für „Die Astronautin“?

Suzanna: Meine Aufgaben bei „Die Astronautin“ sind: Die Astronautinnen Trainings zu absolvieren, das Gesicht von „Die Astronautin“ zu sein und Medienarbeit zu betreiben. Den Großteil der Arbeit für „Die Astronautin“ mache ich sehr gerne, auch wenn sie viel Zeit erfordert.
Eine große Herausforderung für uns ist die Finanzierung unseres Ziels, die erste deutsche Astronautin in den Weltraum zu bringen. Aktuell steht die finanzielle Basis dafür noch nicht. In diesem Zusammenhang reden vor allem Inka Helmke, die Geschäftsführerin der Stiftung „Erste deutsche Astronautin gGmbH“ und Claudia Kessler, die Initiatorin von „Die Astronautin“, mit Unternehmen und Politik.
Die Politiker sind sehr begeistert von „Die Astronautin“. Denn unter den bislang elf deutschen Astronauten war bis jetzt keine einzige Frau, obwohl Deutschland die Nation mit den meisten Astronauten in Europa ist. Damit gehört Deutschland im internationalen Vergleich gemeinsam mit Kasachstan, das bisher drei Astronauten stellte, zu den Schlusslichtern. Trotzdem ist es für die Politik schwierig, einen Geldtopf für uns zu finden, da wir aus dem gängigen Raster rausfallen. Wir hoffen aber sehr, dass die Bundesregierung dennoch einen Teil der Initiative „Die Astronautin“ finanzieren wird.

Inwiefern fällt „Die Astronautin“ aus dem gängigen Schema?

Suzanna: Bisher war die Raumfahrt immer staatlich. Jetzt kommen wir mit einem kommerziellen Startup und stellen den Status Quo in Frage. Denn wir sind keine Berufsastronautinnen. Außerdem gehen wir mit unserem Konzept neue Wege und machen die Raumfahrt kommerzieller und privater. Dadurch dienen wir in erster Linie unseren Auftraggebern. Und last but not least: Wollen wir gezielt Frauen und Mädchen in der Luft- und Raumfahrt pushen.

Was passiert in deiner Zeit als Astronautinnen-Trainee mit deinem Job als Wissenschaftlerin am europäischen ALMA-Regionalzentrum bei der ESO in Garching?

Suzanna: Sowohl Insa als auch ich sind nach wie vor in unserem eigentlichen Job tätig. Wir sind dort zwar zu 50 Prozent freigestellt, arbeiten aber während unserer Ausbildung zur Astronautin weiter.
Genaugenommen habe ich aktuell vier Jobs: Ich arbeite bei der ESO. Ich verfolge meine eigene Wissenschaft – diese leidet allerdings gerade sehr. Ich absolviere das Astronautinnen-Training und ich bin in Sachen PR und Finanzierung für „Die Astronautin“ unterwegs.

Wie sieht dein typischer Arbeitstag aus?

Suzanna: Einen typischen Arbeitstag wie vor der Teilnahme an „Die Astronautin“ gibt es für mich nicht mehr. Früher saß ich 70 Prozent meiner Zeit vor dem Computer und 30 Prozent in Meetings. Ein bis zwei Mal im Jahr war ich in Chile beim ALMA Teleskop und außerdem noch auf Konferenzen und bei Veranstaltungen zum wissenschaftlichen Austausch.
Heute sehen meine Tage zum Beispiel folgendermaßen aus: Ich gebe in der Früh ein Interview als „Astronautin“. Danach habe ich eine Software Besprechung bei der ESO. Später lese ich Grundlagenliteratur zu meinem Pilotenschein und abends habe ich eine Telefonkonferenz zu meinen wissenschaftlichen Forschungen.
Ich kann momentan auch kaum vorhersagen, was ich nächste Woche machen werde. Trotzdem achte ich darauf, Zeit für mich zu haben, indem ich mir bewusst eine Auszeit nehme, Urlaubszeiten blocke und mir die Wochenenden freihalte. Ich finde es sehr wichtig, selbstachtsam zu sein.
Ich gestehe aber auch, dass Weiterbildungen, wie z.B. der Flugschein, mir sehr viel Spaß bereiten und für mich unter die Kategorie Freizeit fallen.

Welche Rolle spielt für dich das Netzwerken und wie machst du das?

Suzanna: Ich muss gestehen, ich bin eine sehr schlechte Netzwerkerin, aber ich versuche es zu lernen.
Da ich ein sogenannter Extro-Intro-Typ bin, kostet mich das Netzwerken Energie – vor allem in großen Gruppen. Mir ist es deshalb lieber, wenn die Anzahl meiner Ansprechpartner überschaubar ist und es nicht zu viele Menschen auf einmal sind.
Außerdem bin ich auch schlecht darin, strategisch zu netzwerken. Ich mache das besser, wenn ich es aus Sympathie tun kann.

Ich habe es für mich aufgegeben, die Zukunft vorhersagen zu wollen.

Wie motivierst du dich in Hinblick darauf, dass letztendlich nur eine von euch beiden zur ISS fliegen wird? Oder anders gefragt: Welche persönlichen Eigenschaften helfen dir dabei, mit diesem Unsicherheits-Faktor fertig zu werden?

Suzanna Randall, die vielleicht erste deutsche Astronautin, beim Astronautinnen-Training
Suzanna Randall beim Astronautinnen-Training
Copyright: Die Astronautin

Suzanna: Im Moment steht die Entscheidung für eine von uns beiden nicht im Vordergrund. Insa und ich verstehen uns als ein Team und wir wollen die Finanzierung und die Realisierung des Projekts „Die Astronautin“ schaffen.
Gegen Ende bricht dieses Team dann natürlich auf. Derzeit muss ich aber davon ausgehen, dass ich als erste deutsche Astronautin in den Weltraum fliege.
Wie ich letztendlich nach der Entscheidung damit umgehen werde, kann ich erst sehen, wenn es soweit ist. Ich habe es für mich aufgegeben, die Zukunft vorhersagen zu wollen.
Die Initiative „Die Astronautin“ bringt mir persönlich aber viel. Insa und ich schreiben zum Beispiel gemeinsam an einem Kinderbuch. Außerdem ist die zweite von uns immer auch ein Backup, falls die erste Astronautin ausfällt. Selbst ein Schnupfen kann hier schon ein Hinderungsgrund sein.
Und aus der Vergangenheit weiß ich, dass ich jeder Situation etwas Positives abgewinnen kann. Wenn es nicht diese Mission sein soll, dann wird es eben eine andere.
Überhaupt ist das Mindset sehr wichtig. Ich bin gerne gut durchdacht, aber auch spontan und ich kann mich schnell auf neue Situationen einstellen. Ich brauche keinen fixen Plan – das mag ich nicht. Es entspricht meinem Naturell, neue Wege zu gehen, wenn etwas nicht funktioniert.

Wie geht es bei dir persönlich nach 2020 weiter – mit Weltraumflug und ohne?

Suzanna: Wie gesagt, gehe ich davon aus, dass ich als erste deutsche Astronautin in den Weltraum fliegen werde. Aktuell sieht es aber so aus, dass der Zeitplan verschoben wird. 2021 ist als Termin für den Weltraumflug eher realistisch. Denn im besten Fall steht bis Ende 2019 der Großteil der Finanzierung, so dass Insa und ich im Sommer 2020 gemeinsam das Vollzeittraining zur Astronautin starten können. Dieses dauert ca. neun Monate. Je nach Fluganbieter wird die erste deutsche Astronautin dann Anfang 2021 von den USA oder Russland aus zur ISS fliegen.
Was ich danach machen werde, kann ich heute noch nicht sagen. Ein Plan ist, zur ESO zurückzukehren. Welche weiteren Optionen sich ergeben, weiß ich nicht.
„Die Astronautin“ wird es auf jeden Fall auch nach dem Weltraumflug der ersten deutschen Astronautin weitergeben, mit dem Ziel, Frauen und Mädchen für Luft- und Raumfahrt sowie für Technik zu begeistern und zu fördern.

Wir drücken fest die Daumen für das weitere Gelingen des Projekts „Die Astronautin“ und bedanken uns sehr herzlich für das Gespräch!

Weitere Informationen zu „Die Astronautin“ findet ihr auf:

dieastronautin.de
facebook.com/DieAstronautin
twitter.com/DieAstronautin
instagram.com/DieAstronautin


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