Die Männer sind nicht schuld, die Frauen aber auch nicht

Geschrieben von | · · · · · · · | Media · Women | 1 Kommentar zu Die Männer sind nicht schuld, die Frauen aber auch nicht

Männerquote in den Medien. Bild: ProQuote

Männerquote in den Medien*. Bild: ProQuote

Oder: Wir haben alle noch unsere Hausaufgaben zu machen!

Mensch, ich habe mich mal wieder geärgert. Und zwar über die FAZ und den dort am 21.5.14 erschienen Artikel „Die Männer“ von Bettina Weiguny. Die Autorin, Jahrgang 1970, also quasi mein Alter, schreibt darüber, dass es Frauen heute so leicht hätten wie noch nie.

Wenn es bei ihnen mit dem Aufsteigen trotzdem nicht klappe, müsse das Gründe haben. Frauen seien da ganz gut drin, meint Weiguny, im Gründesuchen: Die Männer seien schuld oder die Gesellschaft oder das System.
Da machten es sich die Frauen doch viel zu einfach, denn an den Männern in Politik und Wirtschaft läge es garantiert nicht, denn die suchten ja geradezu verzweifelt nach Frauen für Vorstand und Spitzenamt, egal wie deren Qualifikationen aussehe.

„Ob eine Frau was kann? Das wird sich zeigen, Hauptsache, das „Diversity“-Ziel ist erst einmal erreicht.“

Ganz abgesehen davon, dass es sich hierbei um ein „Gender Diversity“-Ziel handelt, was mal eben so unterschlagen wird – für Diversity sorgt die Deutschland AG nämlich durchaus, indem darauf geachtet wird, dass zunehmend Internationalität Einzug hält in den Chefetagen.
Fies ist allerdings, dass hier pauschal unterstellt wird, dass nur die Frauen zeigen müssten, ob sie was könnten. Denn: Seien wir doch mal ehrlich, ob jemand wirklich zum Vorstand taugt, muss auch ein Mann beweisen. Und auch Aufsichtsrat wird man und muss dann machen. So ist es doch bei jedem Job! Insofern hat die von Weinuny zitierte Olympe de Gouges Recht: Auch Frauen müssen Fehler machen dürfen. Und dafür eben die Konsequenzen tragen.

Nur: Da es so wenige in so exponierter Position gibt, fallen erstens die Fehler eher auf und zweitens auch das Scheitern.

Rollenbilder in Museen brauchen wir nicht. Die Brigitte hilft auch.

Wenn Frauen es nun nicht schaffen, würden sie gern nach übermächtigen Gegnern suchen: anonyme Mechanismen und Strukturen, die „gläserne Decke“. In welchem Museum die denn versteckt seien, fragt die Autorin. Als Gegenbeweis führt sie die kickenden Mädchen auf dem Sportplatz an.

Da frage ich mich: Was haben kickende Mädchen mit Aufstiegschancen zu tun? Vielleicht taugen sie ja als Beweis für sich auflösende Muster im Sport. Die ungleiche Verteilung von politischer und vor allem wirtschaftlicher Macht in unserem Land ist damit nicht wegdiskutiert. Und auch die kickenden Mädchen müssen ja erst einmal groß werden, in den Job einsteigen und dann Karriere machen. Ob das Kicken hilft? Vielleicht. Wir wissen es nicht.

Damit sind unsere Strukturen von heute also nicht wegdiskutiert. Und auch nicht aus unseren Köpfen: Wir brauchen uns ja nur die aktuelle Brigitte-Kampagne „Generation Frau“ anzuschauen, da wimmelt es von Klischees (weiß, schlank, hübsch, berufstätig) – und dem klaren Signal, wie Frau zu sein hat.

It´s Diversity, stupid!

Nun werde der Sexismus mal andersherum ausgeübt, findet Weiguny: Es werde fröhlich behauptet, Frauen seien die besseren Wirtschafter, seien empathischer, kommunikativer, teamfähiger – und damit eigentlich die besseren Menschen. Wenn also eine der Vorstandsfrauen ihren Job verliert, könne das ja nicht an ihr liegen, sondern allein am System. So würde das von Feministinnen behauptet.

Das ist natürlich vollkommener Quatsch. Denn: Die Studien, auf die sich die FAZ-Autorin bezieht, gibt sie verkürzt wieder. In den meisten Studien zum Unternehmenserfolg von gemischten Teams (z.B. McKinsey, „Women Matter“) sind die Unternehmen besonders erfolgreich, in denen viele Frauen in Führungspositionen sind und die gleichzeitig ein professionelles Diversity Management installiert haben. Diese Unternehmen managen Unterschiede besonders gut, integrieren also auch unterschiedliche Kulturen, religiöse Sichtweisen und sexuelle Orientierungen ihrer Mitarbeiter besonders gut. Diese Unternehmen setzen sich intensiv mit Leistungsbeurteilungen auseinander, um eben die „Bretter im Kopf“ zu beseitigen. Und genau das macht sie erfolgreich. Denn sie schaffen es, eher weiblich konnotierte Eigenschaften wie Kommunikations- und Teamfähigkeit auch im Management zu verankern. Ob das die Finanzkrise verhindert hätte? Vielleicht. Optimal schlecht gelaufen ist es so ja jetzt schon, da hätten wir es durchaus auch mal mit Frauen versuchen können.

Böse „Tussen“ und „Gezicke“!

Ich gebe es ja zu, die Diskussionen in Blogs wie der Mädchenmannschaft und weiteren feministischen Webseiten sind manchmal ganz schön hart. Und ja, da geht es auch zur Sache und wer anderer Meinung ist, bekommt auch schon mal was auf den Deckel.

Na und?

Unter jedem durchschnittlichen SPON-Artikel geht es ebenso ab und die Aufschrei-Debatte hat uns einiges über Diskussionskultur im Netz gelehrt. Aber – hallo? – man braucht sich ja nur mal einen Tag lang durch die Bloggerinnen-Landschaft zu lesen, schon wird einem bewusst, wie vielfältig und bunt das Frauenleben und die Meinungen dort sind. Doof ist, wenn es dann beleidigend und persönlich wird, aber da sind die Männer so gar nicht anders.

Frauen und das Geld

Doof ist allerdings, wenn Frau Weiguny mal wieder verkürzt und nicht drei Takte nachdenkt: Sie zitiert die Österreicherin Christine Bauer-Jelinek:

„Frauen verdienen nicht weniger, weil sie diskriminiert werden, sondern weil sie nicht das Gleiche arbeiten.“

Gut, das kann man so sehen. Man kann aber auch die berechtigte Frage stellen, warum Erzieherinnen in ihrem Tarif so viel schlechter bezahlt werden als zum Beispiel eine Metallarbeiterin?

Da kann man sicher über einzelne Aspekte streiten, aber die grundsätzliche Linie hat etwas von strukturierter Ungleichbehandlung. Wenn die von Weiguny zitierte Autorin Bauer-Jelinek nun sagt, dass Frauen schlechter verhandeln und die Spielregeln missachten, gebe ich ihr und Weiguny sehr gern recht. Da müssen Frauen ihre Hausaufgaben machen und das Verhandeln lernen.

Auch zu Hause übrigens, denn das neue Scheidungsrecht benachteiligt den Menschen finanziell, der wegen der Familie weniger oder gar nicht für Geld arbeitet. Wer sich dafür entscheidet, was natürlich jeder selbst entscheiden kann, sollte das bedenken.

Gute Geschichte: Es gibt ja keine Kandidatinnen für die Vorstandsjobs

Ganz unrecht hat Weiguny damit nicht. Es gibt weniger weibliche Kandidaten für Vorstandsposten. Das Argument, das sie anführt, verficht aber nur zum Teil: Frauen studierten die falschen Fächer, in Informatik, Ingenieurwissenschaften und Chemie seien sie ja kaum zu finden. Das stimmt, es gibt zu wenig MINT-Absolventinnen.

Die Krux ist nur: Von den Vorständen in den DAX30-Unternehmen haben 64 Prozent nicht-technische Ausbildungen wie Wirtschaftswissenschaften oder Jura, auf Aufsichtsratsebene sogar 71 Prozent (Quelle: bmfsfj.de, „Frauen in Führungspositionen“). Da könnte man es durchaus mal mit einer Kunsthistorikerin an der Spitze versuchen. Die US-Unternehmen sind da oft mutiger, hier satteln die meisten Manager_innen sowieso irgendwann den MBA an einer Spitzenuni drauf – und der ist der richtige Karriereturbo.

Die Karrierewege ändern sich ja auch in Deutschland – und es gibt hier auch Karriereturbos. Das ist zum Beispiel ein Netzwerk, das durchaus mit dem eines Alumni-Kreises der Ivy-League-Colleges vergleichbar ist: die Baden-Badener Unternehmergespräche. Wer sich die Top-Riege der Wirtschaftslenker in Deutschland anschaut, stellt fest: Hier sind die durchgegangen. Da die Unternehmen ihre Führungskräfte für die Gespräche auswählen, wäre hier ein gutes Steuerungsinstrument für ein starkes Netzwerk – von Männern und Frauen.

Frauen haben mehr Spaß und mehr Möglichkeiten

Frauen wären einfach weniger wagemutig, sie träumten weniger davon, Vorstand zu werden oder Unternehmerin. Wenn sie gründeten, dann eher als Kleinunternehmerin oder aus der Not heraus. Männer dächten da einfach größer – und Frauen hätten ja beim Scheitern dann auch immer die Möglichkeit, sich an den heimischen Herd zurückzuziehen. An dem sie dann wütend ihre Familie bekochen und auf das System (und die Männer) schimpfen. Manche machen das vielleicht so. Ich kenne das eher nicht: Die meisten Frauen machen sich viel zu viel selbst verantwortlich! Männer sind da viel entspannter, bei denen ist das oft der unfähige Chef, die doofe Kollegin oder so.

Macht doch alle eure Hausaufgaben!

  • Frau Weiguny, ziehen Sie bitte keine Zahlen und Studien heran, die Sie nur vom Hörensagen kennen.
  • Unternehmen, kümmert euch um die verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten eurer Mitarbeiter_innen (und knüpft die Boni eurer Führungskräfte an das Gelingen von Diversity).
  • Männer, unterstützt eure Frauen. Wo auch immer!
  • Frauen, seid realistisch bei Geld, Macht und Aufstiegschancen. Wenn ihr Karriere wollt, bleibt dran, sucht euch Mentoren, baut ein Netzwerk und lasst euch von euren Partnern unterstützen!
  • Staat, mach ein neues Steuerrecht! Familiensplitting statt Alleinverdiener-Belohnungssystem.
  • Eltern, macht eure Kinder stark! Jungen wie Mädchen.
  • Leser_innen, unterstützt die DMW, denn die kümmern sich um eure Präsenz!

*PS: Pro Quote zeigt auf, dass 98 Prozent der Zeitungs-Chefredakteure Männer sind. Ein Schelm, der böses bei solchen Artikeln denkt.

Ute Blindert

Ute Blindert wohnt und arbeitet als Autorin und Speakerin in Köln. Ihr Thema: Netzwerken in digitalen Zeiten für Karriere und Recruiting – denn irgendwie müssen doch die richtigen Menschen zu einander finden! Darüber schreibt sie Bücher („Per Netzwerk zum Job“, Campus 2015, „157 Arbeitgeberfragen im Vorstellungsgespräch“, Business Village 2017) sowie ins Internet (u.a. für BILANZ.de, featured und als Herausgeberin von karriereletter.de und businessladys.de). Sie hält Vorträge und moderiert Veranstaltungen, vornehmlich zu Karriere- und Digitalthemen, sowie BarCamps. Ehrenamtlich engagiert sie sich als Finanzvorstand der Digital Media Women e.V.


Ein Kommentar

Lia Lenzing sagt:

1. Juni 2014 um 00:49

Viele Männer haben schon früh eine Vorstellung davon, was ihre Lebensziele sind. Da einige Frauen zwei wichtige Ziele verfolgen, Beruf und Familie, ist die Form der Realisierung oft nicht so klar. Bis jede eine passende Lösung für ihre Familienkonstellation gefunden hat ist wertvolle Zeit verstrichen.

Vielleicht sollten wir Frauen öfter mal mit dem Gesetz der Anziehung/The Secret arbeiten. Dann klappts auch mit dem Vorstandsposten für die Kunsthistorikerin…

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