#DMWKaffee mit Nadja Stavenhagen über Digitalisierung und Karriere in der Medienbranche

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In der Reihe #DMWKaffee mit… gehen Autorinnen dieses Blogs mit spannenden Frauen aus der Digitalbranche einen Kaffee trinken. Für diese Folge hat sich Stephanie Meier aus dem Hamburger Quartier mit Nadja Stavenhagen auf einen Kaffee verabredet. Nadja Stavenhagen ist Direktorin der Akademie für Publizistik in Hamburg und verantwortlich für das Seminarprogramm, für die Geschäftsführung und für Kooperationen mit verschiedenen Partnern und Einrichtungen. Als Journalistin hat sie den Umbruch in der Medienbranche hautnah miterlebt und uns im Rahmen eines Themenabends bereits spannende Einblicke in die Entwicklungen und Trends der Branche gegeben.

DIE DIGITALSIERUNG DER MEDIENBRANCHE

Nadja Stavenhagen

Nadja Stavenhagen (Foto:privat)

Stephanie Meier: Was macht das Thema Digitalisierung für dich so spannend?

Nadja Stavenhagen: Die Digitalisierung verändert rasend schnell alle Lebensbereiche und bietet ständig neue Möglichkeiten.
Von Tools wie Slack, die die Arbeit erleichtern, bis zu smarten Geräten wie Amazon Echo, die mir per Sprachsteuerung Inhalte vorlesen oder meine Shoppingliste verwalten. Richtig spannend wird es, wenn mich solche Geräte daran erinnern, dass ja Mittwoch ist und die Milch auf der Shoppingliste fehlt.

Stephanie: Wie hast du die Digitalisierung in der Berufswelt erlebt?

Nadja: Die Digitalisierung begleitet mich seit ich Ende der 1990er Jahre Online-Redakteurin bei TV Today wurde. Online war für alle Verlage absolutes Neuland. Es gab noch keine Ausbildungen in diesem Bereich, Google war noch nicht auf dem Markt, und wir haben einfach ausprobiert. Nachdem wir zuerst Printthemen 1:1 aufs Netz übertragen haben, sogar die Anzeigen, haben wir ziemlich schnell die neuen Möglichkeiten genutzt, die der Onlinebereich bietet. Wir hatten zum Beispiel einen der ersten Live-Ticker im Sport, einen digitalen Kleinanzeigenmarkt und Microsite-Lösungen für Anzeigenkunden.
Das Ganze hat sich superschnell professionalisiert, sowohl technisch als auch inhaltlich. Ich habe für Marken wie SCHÖNER WOHNEN, Chefkoch und GEO Geschäftsmodelle und Inhalte entwickelt.

Stephanie: Welches war die Digitalisierungswelle, die zu den stärksten Veränderungen geführt hat?

Nadja: Die Zyklen der Digitalisierung werden kürzer und umfassender. Das Datenwachstum explodiert, die technischen Möglichkeiten werden immer besser. Auch für die Anbieter von Inhalten: Roboterjournalismus etwa ist so fortgeschritten, dass damit ordentliche Servicetexte z. B. für die Finanz- und Sportberichterstattung produziert werden können.
Auch Virtual Reality (VR) bietet inzwischen eine Qualität, die einen echten Mehrwert hat und Geschäftsmodelle verändert. Ein Beispiel: Der Alpenexpress ist eine Achterbahn im Europa Park Rust, die über 30 Jahre alt ist. Die Betreiber haben einen VR-Ride dazu entwickelt. Der Besucher sieht während der Fahrt einen Film, der genau auf die Bewegungen und Geschwindigkeit der Bahn abgestimmt ist und so das Erleben verstärkt.

Stephanie: Du bist gerade aus Amerika zurückgekommen. Was hat dich auf deiner Reise am meisten beeindruckt?

Nadja: Ich habe im Rahmen einer VDZ-Reise wegweisende und innovative Medien- und Technologie-Unternehmen besucht. Vom Start-up bis zum traditionellen Medienhaus. Interessant war zu sehen, wie die Digitalisierung die Abläufe und Geschäftsmodelle verändert. Selbst die supertraditionsreiche Nachrichtenagentur Associated Press hat ihre Prozesse und Produktion komplett auf den Kopf gestellt. Nach dem Motto „24/7 für den User“ und „Convenience ist die neue Qualität“ produzieren und verteilen sie ihre Inhalte auf verschiedene Plattformen und Geräte.

Stephanie: Auf unserem Themenabend hast du die These aufgestellt: „Plattformen sind der Schlüssel zum User“. Was steckt dahinter?

Nadja: Viele Anbieter, ob für Content, E-Commerce oder andere Dienstleistungen, vertreiben ihre Produkte über Plattformen wie Amazon, Booking.com oder Facebook. Weil die ein komfortables Handling für den User anbieten, eine hohe Sichtbarkeit und Bekanntheit haben. Im Gegenzug konkurriert die einzelne Marke – etwa Nike auf Zalando – mit anderen Marken und gibt den Erstkontakt zum User an die vermittelnde Plattform ab. Ein Begriff für dieses ambivalente Verhältnis zwischen Marke und Plattform ist „Frenemy“, also die Mischung aus friend und enemy.

Stephanie: Eine zweite These lautete: „Personen sind die neuen Marken“. Könntest du dafür ein Beispiel nennen?

Nadja Stavenhagen und Emily Graslie in Chicago

Nadja Stavenhagen und Emily Graslie in Chicago (Foto: privat)

Nadja: Wenn Inhalte über verschiedene Plattformen verbreitet werden, treten Marken oft nicht mehr so sichtbar auf. Dafür treten Personen als Experten bzw. Persönlichkeiten in den Vordergrund, wenn sie eine hohe Glaubwürdigkeit haben. Das sind die neuen Marken, denen die Leute folgen.
Ein Beispiel dafür ist der Journalist Richard Gutjahr, der für den Bayerischen Rundfunk, in seinem Blog und in sozialen Medien viel über den digitalen Wandel publiziert.
Die Wissenschaftsbloggerin Emily Graslie aus Chicago war mit ihrem YouTube-Kanal „The Brain Scoop“ so erfolgreich, dass das Field Museum in Chicago auf sie aufmerksam geworden ist. Mittlerweile arbeitet Emily Graslie dort als Chief Curiosity Correspondent, um Themen des Museums aufzugreifen und in die digitale Welt zu überführen.

KARRIERE UND KIND SIND KEIN WIDERSPRUCH

Stephanie: Du bist die Direktorin der Akademie für Publizistik in Hamburg, arbeitest Vollzeit und bist Mutter einer siebenjährigen Tochter. Wie bekommst du beides unter einen Hut?

Nadja: Nach der Geburt habe ich zunächst ein Jahr Pause gemacht und dann zwei Jahre in Teilzeit gearbeitet. Danach haben mein Mann und ich getauscht. Jetzt arbeitet er in Teilzeit und ich habe die Vollzeitstelle.
Wenn bei uns alles normal verläuft, ist der Alltag kein Problem. Fällt aber einer von uns aus, dann kommt es auf eine wirklich gute Organisation an. Wir haben zwei Babysitter, die in solchen Situationen spontan einspringen können.
Wie das jeder im Einzelfall organisiert, hängt stark vom Umfeld ab. Ich kenne Paare mit Kindern, bei denen beide Vollzeit arbeiten, genauso wie Alleinerziehende mit Vollzeitstellen. Manche haben Großeltern, ein Au-Pair oder ein Netzwerk.
Ich finde, eine Frau mit Kinderwunsch sollte sich nicht von vornherein bestimmte Jobwünsche verwehren. Es gibt viele individuelle Wege.

Stephanie: Wie ist deiner Meinung nach die Chance für eine Frau, die gerade noch am Anfang ihrer Karriere steht, sich nach der Schwangerschaft im Job weiterzuentwickeln?

Nadja: Das ist auch sehr individuell. Zwei Freundinnen von mir haben bereits im Studium Kinder bekommen. Sie haben zwar etwas länger studiert, hatten aber den Vorteil, dass die Kinder gegen Ende des Studiums schon um die drei Jahre alt waren. So konnten sie gleich beruflich richtig loslegen.
Andere Frauen entscheiden sich drei Monate nach der Geburt, wieder zurück in den Job zu gehen. Entscheidend ist, wie es dem Kind geht, wie es dir selbst geht und was sich für beide Eltern richtig anfühlt. Natürlich kommt es ganz stark auf den Arbeitgeber an. Ob man zum Beispiel flexibel arbeiten kann, ob es Home-Office-Möglichkeiten gibt oder eventuell einen Betriebskindergarten.

JOURNALISTEN – EIN JOBPROFIL IM WANDEL

Stephanie: Du hast 20 Jahre bei Verlagen gearbeitet. Wie bist du zur Akademie gekommen?

Nadja: Ursprünglich wollte ich sogar Lehrerin werden und habe Latein und Theologie studiert. Ab dem dritten Semester habe ich bei Verlagen gejobbt. Als ich mein Staatsexamen in der Tasche hatte, wurde mir ein Job im Online-Bereich von TV Today angeboten. Ich habe sofort ja gesagt.
Die Lehre hat mich nicht ganz losgelassen, ich habe neben meiner Arbeit im Verlag als Gastdozentin für Onlinejournalismus und Onlinekonzeption gearbeitet. Dann habe ich eine berufsbegleitende Ausbildung zur systemischen Organisationsberaterin gemacht, um komplexe Systeme und Umbrüche wie die in der Medienlandschaft besser verstehen und mitsteuern zu können. Dann war die Zeit reif, ich wollte gern meine Kompetenzen verbinden und mich beruflich verändern. Das hat mir die Position in der Akademie für Publizistik ermöglicht.

Stephanie: Welches Angebot bietet die Akademie für Publizistik?

Nadja: Die Akademie bietet berufsbegleitende Aus- und Fortbildung für Medienleute. Vom Volontär bis zum Medienmanager, von Online über Print bis Social Media. Zu uns kommen Leute, die sich in kürzeren Schulungen für den laufenden Job fitter machen wollen, und Leute, die sich verändern möchten. Oft im Zuge des Medienwandels. Deshalb bieten wir verschiedene Formate an: eintägige Schulungen in SEO-Texten, zwei Tage Schreiben für alle Kanäle, einjährige berufsbegleitende Zertifikatskurse, z. B. in Social Media Management und Digitaler Konzeption sowie Schulungen in Kommunikation und PR.
Unserer Kursteilnehmer arbeiten in Redaktionen, in der Unternehmenskommunikation oder dem PR-Bereich, bei Verbänden oder in Startups und kommen aus ganz Deutschland.

Stephanie: Wie hat sich das Jobprofil eines Journalisten verändert?

Nadja: Journalisten müssen heute interdisziplinär arbeiten können, mit Programmierern, Grafikern und Business Developern Projekte entwickeln und deren Sprache und Perspektive verstehen. Deshalb haben wir Seminare aufgenommen wie „Programmieren für Journalisten“ oder „Medientrends und Geschäftsmodelle“.

Veränderungsbereitschaft und Neugier werden auch immer wichtiger. Wie sich die Technologie, das Nutzerverhalten, die Produkte und Prozesse verändern, so verändern sich auch die Arbeitsweisen und -inhalte. Der Textredakteur ist z. B. vermehrt für kuratierte Inhalte zuständig, die Redaktionsassistentin übernimmt den Social-Media-Auftritt, der Ressortleiter bekommt den Hut auf für ein Marken-Event. All das ist Alltag und erfordert ständige Bereitschaft dazuzulernen und sich umzustellen.

Stephanie: Welchen Rat würdest du angehenden Journalisten noch mit auf den Weg geben

Nadja: Heute ist davon auszugehen, dass der Berufsweg junger Journalisten vielseitig sein wird. Dass sie vielleicht zeitweise als Freie arbeiten werden, in den Bereich PR oder Corporate wechseln oder ein Start-up gründen.
In der Akademie ist es uns wichtig, dass wir den Teilnehmern vermitteln, wie sie ihr Profil finden und dieses schärfen. Damit sie sich positionieren können, um sich selbst, die eigenen Themen und die eigene Expertise erfolgreich zu verkaufen.
Sie müssen sich über ihre Stärken im Klaren sein. Herausfinden, ob sie eher Allrounder oder Spezialist sind und eine passende Nische bedienen können.
Entscheidend ist dabei aber auch, dass sie Flexibilität mitbringen, sich ständig weiterzuentwickeln, und am Ball bleiben.

Stephanie: Vielen Dank für das spannende Gespräch!

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