Blockchain und Kryptowährung: Themenabend in Berlin – “No border, no nation, no master!”

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Die Blockchain-Technologie ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln. Durch die Kryptowährung Bitcoin hat sie Ruhm erlangt, den einige in Frage stellen. Allen voran Urs Zeidler. Der Programmierer befasst sich seit Anbeginn mit der Entwicklung von Kryptowährungen und der Blockchain-Technologie. Doch er prophezeit ihr keine Zukunft. Die Bitcoins aber, sagt er, werden bleiben. Ganz anderer Meinung ist da Sabine Bertram. Sie forscht zur Ethereum-Blockchain-Technologie an der Universität Kapstadt und ist davon überzeugt, dass in der Dezentralität unserer Daten die Zukunft liegt. Beide waren Redner bei unserem Themenabend „Alles Krypto, oder was?“ Ein spannender, aber hoch-komplexer Austausch erwartete uns. Ein Versuch der Aufarbeitung.

 

Blockchain ist auch, wenn Komplexität Klarheit erdrückt

Als Urs Zeidler das Rednerpult betrat, blickt er in gebannte Gesichter. Endlich würde jemand den schweren Vorhang lüften und Klarheit in eine Sache bringen, die so manchen überfordert (mich eingeschlossen), dachte ich. Doch dann startete er so: „Meine ursprüngliche Idee war, zu erklären, wie diese Technologie funktioniert. Daran bin ich gescheitert.“ Ein gedämpftes Kichern glitt durch den Raum und hauchte Verständnis auf die Bühne. Ja, es war in der Tat eine komplexe Thematik, der wir uns da angenommen hatten. Aber anstatt sich im Klein-Klein zu verfangen, war uns an jenem Abend das berühmte „Big Picture“ wichtig. Womit hatten wir es da zu tun? Mit etwas Grenzenlosem, Staatenlosem und Kontrollfreiem.

 

 

Ohne den Bitcoin gäbe es die Blockchain nicht

Der Bitcoin fußt technologisch auf der Blockchain. Der Bitcoin ist digitales Geld, eine digitale Währung. Sie hat gegenüber den bekannten Zahlungsmitteln einige entscheidende Vorteile und Eigenschaften. Denn weder Regierungen noch Banken kontrollieren den Geldfluss. Der Bitcoin unterliegt daher keiner gesetzlichen Kontrolle. Die Blockchain-Technologie ermöglicht, dass Bitcoins dezentral organisiert und hochverschlüsselt sind. Deswegen bezeichnet man Bitcoin auch als Kryptowährung. Der Bitcoin bricht mit vielen Mythen, den es bislang rund um ein funktionierendes Geldsystem gab. Zum Beispiel, dass es einen Staat und eine Zentralbank braucht, die das Finanz- und Geldsystem kontrollieren.

 

Der Bitcoin, jedoch, kennt keinen Herrscher. Das Bitcoin-Ökosystem gehört niemandem. Es gibt niemanden, der demokratisch gewählt wird oder Entscheidungen für alle Teilnehmer des Ökosystems trifft. Hinter dem gefühlt organisierten Chaos steckt in Wahrheit ein hochkomplexes Regelwerk, an das sich alle halten müssen. Es ist zum Beispiel genau definiert, wie man neue Bitcoins erzeugen kann, wie viele Bitcoins insgesamt jemals entstehen können, wie Transaktionen aussehen müssen etc. Der Aufbau von Bitcoin sorgt stets dafür, dass alle Regeln ohne Ausnahme zu 100 Prozent eingehalten werden. Zuwiderhandlungen werden sofort vom Netz geahndet. Bitcoin ist also Anarchie, aber kein Chaos. Verstanden?

 

“If art has to be disruptive, Bitcoin is art”

Kunst hat immer etwas Disruptives. Und insbesondere, wenn der Künstler tot ist, sind der Interpretationsfreiheit der Kunstkritiker keine Grenzen gesetzt. Es entsteht ein Gemeinschaftskunstwerk, an dem alle teilhaben, sagt Urs. Beim Bitcoin ist das ähnlich. Denn der Erfinder des Bitcoin, bekannt unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto, ist seit 8 Jahren verschwunden. Seine wahre Identität dürfte das größte Rätsel des gegenwärtigen Internets sein. Doch Nakamoto hinterließ ein Whitepaper. Auf nur acht Seiten beschreibt er die technische Grundlage für Bitcoin, Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie. Es gilt als Gründungsdokument der virtuellen Währungen. Übernommen hat das Kunstwerk die Community. Disruptiv ist es weiterhin.

 

Die Idee, elektronisches Geld zu entwickeln, ist übrigens nicht neu und wurde 1993 im Ansatz bereits angedacht. „Die Erfindung ist gar nicht so groß, die Blockchain kein mächtiger Wurf“, sagt Urs. Die Pioniere dieser Bewegung waren die sogenannten Cypherpunks, auch unter „Krypto-Rebellen“, „Krypto-Anarchisten“ oder „Krypto-Aktivisten“ bekannt. Ihr Traum war der völlig unbelauschte Austausch von Informationen, ein gesetzesloser Cyberspace, der im Sturz von Steuerbehörden und dem Ende der Nationalstaaten gipfeln soll. Doch es sollte noch eine Weile dauern, bis das erste Konzept für die gleichzeitig erste Kryptowährung, den Bitcoin, im Jahre 2008 im Zuge der weltweiten Finanzkrise entstand.

 

Wie funktionieren Blockchain und Bitcoin – die Basistechnologien

„Das Internet, was heute existiert, ist kaputt“, bekennt Urs. Die Emanzipationsversprechungen und jene von Aufklärung und Transparenz konnte das System dahinter nicht einhalten. Was er und Sabine damit meinen, ist Folgendes: Wir leben in einer Client-Server-Architektur. Es gibt demnach einen zentralen Mechanismus, einen Server, an dem wir, die Klienten, alle dran hängen. Wir sind von diesem Server abhängig. Als Nutzer kennen wir diesen Zustand als Plattform-Kapitalismus oder, die blumige Variante, als Plattform-Ökonomie. Google, Facebook, Uber – sie alle funktionieren nach dem gleichen System und bescheren ihren Eigentümern jährlich milliardenschweres Wachstum. Dieses Wachstum subventionieren wir mit unseren Daten – jeden Tag.

 

Dieser Client-Server Architektur steht das Peer-to-Peer Netzwerk gegenüber. Hier agieren alle Rechner und Teilnehmer gleichberechtigt untereinander. Es gibt keine zentrale Schaltstelle. Peer-to-Peer bedeutet wörtlich von Mensch zu Mensch. Einigen von uns ist dies vor dem Hintergrund der Tauschbörsen und des Filesharings noch ein Begriff. Damals wurden Dateien getauscht in Form von Musik oder Texten. Im Bitcoin teilt man zweierlei: das Kassenbuch in der Blockchain und die Transaktion selbst. Die Blockchain ist also wie ein gigantisches, dezentrales Kassenbuch: sobald zwischen einem Absender und einem Empfänger eine Transaktion stattfindet, wird in das Kassenbuch eine neue Position eingetragen.Jeder Computer, der in diesem Netzwerk angeschlossen ist, ist gleich. Keiner ist gleicher. Es gibt keinen Meister, keinen Entscheider. Das ist es, was die Szene unter einem emanzipatorischen System versteht.

 

Kryptographie: Verschlüsselung als Existenzgrundlage

Hinter der Blockchain-Technologie steht ein hochmodernes, kryptografisches Verschlüsselungsverfahren. Diese Kryptographie sorgt beim Handel mit beispielsweise Bitcoins dafür, dass die Transaktionen für Dritte nicht sichtbar sind. Das ist nicht nur sinnvoll, sondern auch existentiell für den Bitcoin per se. Ohne kryptografische Verschlüsselungsverfahren könnte jeder Dritte die Transaktion zu seinen Gunsten verändern. Bei der Verschlüsselung kommt daher ein privater und ein öffentlicher Schlüssel zum Einsatz.

 

Smart Contracts – der codierte, intelligente Vertrag

Diese digitalen Verträge halten die Bedingungen einer Vereinbarung zwischen Käufer und Verkäufer in Codezeilen fest. Sie sind im Blockchain-Netzwerk verankert und ermöglichen vertrauenswürdige Transaktionen und Vereinbarungen zwischen verschiedenen anonymen Parteien. Ein dritte Partei oder Behörde ist auch hier nicht zwischengeschaltet. Die intelligenten Verträge machen alle Transaktionen nachvollziehbar, transparent und irreversibel. Sie enthalten im Grunde dieselben Informationen wie herkömmliche Verträge. Ein Beispiel für eine Blockchain-Plattform, die digitale Verträge anbietet, ist Ethereum.

 

Die Arbeit der Miner und der Proof-of-Work Mechanismus

In den klassischen Fiat-Währungssystemen drucken Zentralbanken Geld, mal mehr, mal weniger. Die Bitcoins und die Blöcke der Blockchain werden geschürft (Mining), oft in einer Cloud (Cloud-Mining). Weltweit minen (errechnen) Computer Bitcoins und konkurrieren dabei untereinander. Es wird also Rechenleistung zur Transaktionsverarbeitung, Absicherung und Synchronisierung aller Nutzer im Netzwerk zur Verfügung gestellt.

 

Das Grundprinzip von Proof-of-Work fußt auf der Idee, dass Miner im Netzwerk ihren erbrachten Aufwand nachweisen müssen. Früher wurde der Proof-of-Work auch beim E-Mail Versand eingesetzt. Er sollte Spam verhindern. Um eine E-Mail zu versenden, musste der Sender vereinfacht gesagt zusätzliche Berechnungen durchführen. Da die technischen Hürden sehr hoch waren, musste der E-Mail-Versender dafür zusätzliche Investitionen tätigen. Diese Investitionen sollten final so hoch sein, dass sie sich für Spammer nicht mehr lohnen würden.

 

Zurück zu den Minern. Sie versuchen, durch milliardenfache Ausführung von Rechenoperationen ein Ergebnis mit bestimmten Eigenschaften zu finden – und einen Block zu bauen. Waren sie damit erfolgreich, werden sie entlohnt  – mit Bitcoins.

 

Die Blockchain ist die ineffizienteste Datenbank der Welt

Im Bitcoin-Sysytem wird ein Block also von einem Miner erstellt. Diese Arbeit ist durch die damit verbundene Rechnerleistung sehr (sehr!) energieraubend. Der Energieverbrauch ist unverhältnismäßig hoch, um nicht zu sagen gigantisch. Das System verschlingt derzeit etwa 67 Terawattstunden pro Jahr. Das ist mehr Strom als die gesamte Schweiz benötigt oder 0,3 Prozent des weltweiten Konsums. Für einen einzigen Bitcoin geht bereits jetzt so viel Strom drauf, wie eine Familie in zwölf Jahren konsumiert.

 

Diese Komplexität und der hohe Rechnerbedarf sind jedoch gleichermaßen ein Schutzmechanismus. Denn jemand, der dem Bitcoin schaden wollte, müsste mindestens genauso viel Strom aufbringen, wie das gesamte Bitcoin-Netzwerk. Das ist unmöglich, sagt Urs. Der Energieverbrauch sei nicht in Gänze sinnlos. Je höher er ist, desto sicherer ist das Netzwerk, meint er.

 

Der Bitcoin ist eine deflationäre Währung – bei 21 Millionen Bitcoins ist Schluss

Derzeit entstehen ca. 2000 Bitcoins pro Tag. Bei 21 Millionen Bitcoins ist Sense. Mehr wird es nicht geben. Man geht davon aus, dass diese Anzahl bis 2130 erreicht sein wird. Einige sehen in der Knappheit des digitalen Geldes Risiken. Andere sehen sich in der künstlichen Verknappung vor allem vor Inflation geschützt. Damit haben Bitcoins vergleichbare Eigenschaften wie die Anlagemöglichkeiten Gold und Silber. Sie sollen wertstabil sein – auch wenn sich dies in der Praxis bislang wenig bewährte. Denn der Wechselkurs unterliegt immer wieder enormen Schwankungen und ist durch die intransparente Struktur wenig vorhersehbar.

 

Blockchain und Bitcoin im echten Leben – erste Anwendungsbeispiele

Sabine Bertram fasst in ihrem Vortrag nochmals sehr eindrücklich die Nachteile des derzeitigen Client-Server-Systems bzw. des Web 2.0 zusammen. Denn wir leben in einer Welt, in der wir mit Daten zahlen und auch manipuliert werden können. Im Web 3.0 gehen die Daten zurück in die Hoheit der Nutzer. Datenleaks und Hacks sind nicht mehr möglich, aller Austausch erfolgt verschlüsselt. Der Zugang ist barrierefrei. Es gibt keine Zugangsbeschränkung außer dem Internet selbst.

 

Doch welche Anwendungen gibt es nun bereits? Die scheinen zunächst eher dünn gesät. Ideen gibt es viele. In der Umsetzung haben sie noch Seltenheitswert. Cryptokitties ist beispielsweise ein Online-Spiel, bei dem man verschiedene Arten von virtuellen Katzen kaufen, verkaufen und züchten kann. Es basiert auf der Blockchain Ethereum. Gehandelt wird in der Kryptowährung Ether. Civil ist dezentraler Marktplatz für unabhängigen und seriösen Journalismus. Ujo ist eine dezentrale Version zu Spotify, bei der Songs per Kryptowährung bezahlt werden. Bei State Of The App können weitere Anwendungen eingesehen werden.

 

Aber auch im echten Leben akzeptieren mehr und mehr Händler Bitcoin. Bier und Burger in einer Bar mit Bitcoin zu bezahlen ist mittlerweile ebenso möglich wie der gesamte Wochen-Einkauf im Supermarkt. In der Coinmap sind weltweit alle Geschäfte eingezeichnet, die Bitcoins akzeptieren.

 

Kryptowährungen: Wie kann ich mitmischen?

Sabine empfiehlt mit Ethereum zu starten. Dazu braucht man sogenannte Wallets, also digitale Geldbörsen. Für Google Chrome, Brave oder Firefox ist die MetaMask-Extension eine gute Möglichkeit, um auf dafür geeigneten Websites Transaktionen in der Blockchain auszulösen. Für unterwegs eignet sich die App Status. Und natürlich gibt es eine Vielzahl von Kryptowährungsbörsen, die hier für Euch zusammengestellt sind.

 

Haben Bitcoin und Blockchain Zukunft?

Diese Frage haben wir versucht, in unserem abschließenden Panel zu klären. Gregor Rex-Lawatscheck stieß aus dem Publikum dazu. Unser Fazit: Bitcoin ist nicht das Ende der Fahnenstange. Es war der erste Versuch, eine digitale Währung zu errichten und er wird nicht der letzte sein. Bitcoin ist zu ineffizient, zu langsam. Auch mit Ethereum ist man womöglich noch nicht am Ende der Entwicklung angelangt. Fakt ist: die Blockchain ist der beste Schutz für persönliche Daten. Die Dezentralisierung macht es möglich. Dennoch scheint es, als wäre Blockchain derzeit mehr Ideologie als Technologie. Sie verkörpert die Vorstellungen darüber, wie eine Gesellschaft funktioniert und wie sie funktionieren sollte. Gregor resümierte, dass in der Frage, ob Blockchain Stand der Technik wird, viele Antworten liegen.

 

In aller Kürze hier die drei Abschlussthesen unserer Panelisten zur Zukunft der Blockchain.

 

 

Grandiose Sponsoren und Partner beim Bitcoin-Abend

Dieser Abend wurde insbesondere durch einen starken Hauptpartner überhaupt möglich: die Berliner Sparkasse. Frau Susann Steiniger-Breuer, seit 25 Jahren bei der Sparkasse tätig, eröffnete den Abend mit spannenden Geschichten zum Max Liebermann Haus – dem Austragungsort des Themenabends. Und ein Ort an dem Diskurs, Erleben, Politik, Religion und Fortschritt in der Gegenwart gelebt und zelebriert werden. Vielen Dank für die fantastische Unterstützung!

 

Ein großer Dank geht auch an unsere Partner Empolis und Neofonie!

Danke an Sabine Bertram und Urs Zeidler für die spannenden Vorträge!

 

Nur durch Sponsoren und eure Fördermitgliedschaft können solche #DMW-Abende und Momente ermöglicht werden. Selbst dazu beitragen könnt Ihr als Fördermitglied. Der Antrag kann hier online gestellt werden.

 

Wer noch kein Newsletter-Abonnent ist, dem empfehle ich, das hier nachzuholen. So entgeht Euch keine Veranstaltung und Verlosung mehr. Für Fördermitglieder gibt es gar noch mehr Goodies. Habt Ihr Fragen? Schreibt mir.

 

Eure Nadine

 

Weiteres Bildmaterial (Nadine Bütow)

 

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Nadine Bütow ist Kommunikations- und Strategieberaterin. Über 15 Jahre beriet sie internationale Unternehmen zu den Themen Krisenkommunikation, Positionierung, Politische und Digitale Kommunikation. Seit 2015 leitet sie das Kommunikationsnetzwerk CommsART und unterstützt vor allem Mittelständler und kleine Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung. Nadine ist seit 2018 im Orgateam der #DMW in Berlin und setzt sich für mehr Sichtbarkeit für Frauen auf deutschen Bühnen ein.


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