#30MIT30 BEI CAMBIO: „EIN HOHER FRAUENANTEIL IST EINE SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT“

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Im Rahmen der #30mit30-Kampagne suchen die Digital Media Women 30 Unternehmen in Deutschland, die einen Frauenanteil von über 30 Prozent in ihren ersten drei Führungsebenen haben. Dieses Mal sind wir beim Carsharing-Unternehmen cambio. #DMW Sandra Roggow spricht mit Mitgründerin Gisela Warmke und Norbert Jagemann, zuständig für den Standort Berlin.

 

Sandra Roggow: Möchten Sie sich und das Unternehmen kurz vorstellen?

 

Gisela Warmke: Wir sind ein Carsharing-Unternehmen und seit 30 Jahren am Markt. Seit dem Jahr 2000 gibt es die cambio-Gruppe. Wir gehören zu den deutschen Pionieren der Branche. Unsere Vision ist es, ein System zu entwickeln, das das eigene Auto vollständig ersetzen kann. Ich bin Mitgründerin und Geschäftsführerin bei Stadtteil Auto Aachen.

Gisela Warmke

 

Norbert Jagemann: Ich bin Prokurist der Berliner Tochter und in dieser Funktion verantwortlich für das ganze Management.

Norbert Jagemann

 

Sandra Roggow: Wie sieht die Frauenquote bei Ihrem Unternehmen aus? In welchen Bereichen liegt die Quote über 30 Prozent?

 

Norbert Jagemann: Auf der Leitungsebene liegen wir gemütlich drüber. In den einzelnen Abteilungen sind wir mal weit drüber, mal drunter.

 

Sandra Roggow: Wer treibt das Thema Frauen in Führung bei Ihnen voran?

 

Gisela Warmke: Von Beginn an war ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis für uns eine Selbstverständlichkeit. Innerhalb der einzelnen Abteilungen ist das unterschiedlich. In den Führungsriegen waren es fast immer über 30, teilweise über 50 Prozent. Zu Beginn der Firma cambio haben wir ein längeres Gender-Seminar gemacht, bei dem uns das erste Mal bewusst geworden ist, wie gut das bei uns funktioniert.

 

Sandra Roggow: Hat es in den letzten drei bis fünf Jahren noch einmal neue Impulse gegeben?

 

Gisela Warmke: Wir sind sehr ausgewogen gewachsen und Diversity ist so sehr ein Teil unseres Selbstverständnisses, dass wir darüber nicht weiter nachdenken. Bei Neueinstellungen schauen wir in erster Linie auf die Qualifikation. Wenn das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern nicht ausgewogen ist, entscheiden wir dann im nächsten Step nach Geschlecht.

 

Sandra Roggow: Wie sieht es denn in Ihren technischen Abteilungen aus?

 

Gisela Warmke: Die Software-Entwicklungsabteilung ist schon männerlastig. Wir bemühen uns, das zu ändern, aber für diese Jobs haben wir tatsächlich deutlich weniger Anfragen von Frauen.

 

Sandra Roggow: Haben Sie jemals Konflikte im Bezug auf die Anzahl von Frauen in Führungspositionen erlebt?

 

Gisela Warmke: Eigentlich nie. Natürlich gab es Konflikte, aber das war – meiner Einschätzung nach – völlig unabhängig davon, ob das Frauen oder Männer waren.

Norbert Jagemann: Im Prinzip ist cambio Carsharing ein Unternehmen aus der Umweltbewegung, in der Frauen traditionell in der Mehrheit sind. Daher gibt es ein ganz natürliches Gleichgewicht in Unternehmen, die aus der Umweltbewegung hervorgegangen sind.

 

Sandra Roggow: Wenn sich keine Konflikte auftaten: Warum war das Ihrer Meinung nach so?

 

Gisela Warmke: Ein hoher Frauenanteil war immer eine Selbstverständlichkeit bei uns, das hat möglicherweise dazu beigetragen.

Norbert Jagemann: Unser Unternehmensziel ist die Verbesserung der Lebensqualität in der Stadt. Das zieht natürlich IdealistInnen an – auch in Bezug auf das Geschlechterverhältnis in unserer Gesellschaft.

 

WEIBLICHE STÄRKEN NACH VORNE BRINGEN

Sandra Roggow: Achten Sie bei der Einstellung gezielt auf das richtige Mindset?

 

Gisela Warmke: Unser Ziel ist, die Firma möglichst gleichgestellt aufzubauen.

 

Sandra Roggow: Schulen Sie auch zu anderen Diversity-Themen wie Unconscious Bias, also Vorurteilen, die gar nicht bewusst wahrgenommen werden?

 

Gisela Warmke: Wir haben einen Zukunftsworkshop durchgeführt, um sicherzustellen, dass unsere Werte – Ökologie, die Sorge um das Gemeinwohl – in der Firma ihren hohen Stellenwert behalten, wenn die aktuelle Führungsriege in Rente geht. Bei der Auswahl der TeilnehmerInnen haben wir natürlich auch auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet.

 

Sandra Roggow: Ein gängiges Vorurteil lautet ja, dass Frauen keine Verantwortung übernehmen wollen. Laut Studien ist es auch so, dass Frauen sich nicht bewerben, obwohl sie fast alle Qualifikationen haben, während sich Männer auch auf Stellen bewerben, für die sie eher wenig qualifiziert sind. Haben Sie den Eindruck, dass Frauen mehr Ermutigung brauchen?

 

Gisela Warmke: Frauen sind auf jeden Fall zurückhaltender. Insofern ist es schon wichtig, nochmal verstärkt zu signalisieren, dass nicht nur Männer gesucht werden. Es gibt einen Typ Mann, der sich immer sehr schnell auf eine Position bewirbt. Das versuchen wir erst gar nicht aufkommen zu lassen. Mir ist die weibliche Zurückhaltung sehr sympathisch, da es signalisiert, dass Frauen verstärkt die Gesamtsituation analysieren und sich dahingehend hinterfragen. Meiner Erfahrung nach führen Frauen ganz anders als Männer. Was nicht heißt, dass der männliche Ansatz schlecht ist, aber wir machen es anders. Mein Ziel ist, die Stärken der Frauen, die ich sehr schätze, nach vorne zu bringen. Ich glaube, dass die Welt nur durch Frauen gerettet werden kann.

 

Sandra Roggow: Nehmen bei Ihnen auch Männer Elternzeit? Und ist das ein Thema für Bewerber?

 

Gisela Warmke: Ja, Männer nehmen bei uns Elternzeit. Wir wollen uns möglichst familienfreundlich aufstellen und planen diese Zeiten gemeinsam mit den MitarbeiterInnen. Im Bewerbungsgespräch wird das allerdings immer noch mehr von Bewerberinnen angesprochen. Für die Frauen ist es entscheidend, durch ihre Mutterrolle keine Nachteile im Beruf zu haben. Diese Themen sollte man unbedingt im Bewerbungsgespräch offen diskutieren, um zu klären, welche Wünsche und Erwartungen beide Seiten haben. Wir finden fast immer eine Lösung.

 

Sandra Roggow: Welche positiven Auswirkungen hat eine hohe Frauenquote auf das Unternehmen insgesamt – kulturell, ökonomisch, im Employer Branding?

 

Norbert Jagemann: Ich empfinde unseren Umgang als sehr kollegial. Es gibt nicht diese subtile Ellenbogen-Mentalität, wenn Probleme auftreten. Auch der Umgang mit persönlichen Krisen, die sich ja nicht immer vom Job trennen lassen, ist bei cambio sehr gut. In deutlich männerlastigeren Unternehmen habe ich das ganz anders erlebt.

Gisela Warmke: Ich glaube tatsächlich, dass Frauen ein besseres Gefühl für Atmosphäre und Spannungen haben und solche Dinge auch sehr viel früher und direkter zur Sprache bringen. Das hat für das Unternehmen eine starke positive Wirkung. Konfliktphasen oder Cliquenbildung wird es immer geben. Aber diese Probleme kann man durch gute Kommunikation überwinden und Frauen sind dazu eher bereit. Und mit einer hohen Frauenquote lassen sich dann auch die männlichen Kollegen mitziehen.

 

Sandra Roggow: Spannend. Merkt man die gute Atmosphäre auch an den Zahlen? Vielleicht ist der hohe Frauenanteil der Grund für Ihre starke Position am hart umkämpften Markt?

 

Gisela Warmke: Eine persönliche Beziehung ist uns sehr wichtig, im Kundenservice genauso wie im Fuhrpark. Das unterscheidet uns von vielen Carsharing-Anbietern, die nur noch per E-Mail oder Telefon erreichbar sind.

Norbert Jagemann: Unser guter Umgang miteinander und mit unseren Kunden macht es leicht, MitarbeiterInnen zu halten. Wenn geschultes Personal sich wegbewirbt, dann ist das ein starker ökonomischer Minusposten. Und dass wir Leute lange halten können, liegt für mich ganz klar an der Gleichberechtigung, die bei uns herrscht.

 

Sandra Roggow: Wie lange ist denn die Betriebszugehörigkeit bei Ihnen?

 

Gisela Warmke: Der Durchschnitt liegt bei acht Jahren. Wir haben aber tatsächlich auch viele MitarbeiterInnen, die seit 15 bis 20 Jahren dabei sind. Viele Wechsel haben ein unglaubliches Störpotential für ein Unternehmen, deshalb ist das sehr wichtig für uns. Gerade im Kundenservice sind MitarbeiterInnen oft erst nach Jahren mit wirklich allen Fragen und Problemen vertraut. Es ist ein essentieller Teil unserer Kultur, sich gegenseitig zu unterstützen und das funktioniert sehr gut.

 

GLEICHBERECHTIGUNG KONSEQUENT VORLEBEN

Sandra Roggow: Warum dauert das Thema „Frauen in Führung“ in Deutschland so lange? Was sehen Sie als die größten Hürden, wenn Sie andere Unternehmen beobachten?

 

Gisela Warmke: Gesellschaftlich hat es eine lange Tradition, dass Männer den Ton angeben. Und wenn man im Glauben an männliche Dominanz erzogen wurde, dann ändert sich das oft erst über mehrere Generationen. Ich glaube, es wird lange dauern, bis Gleichberechtigung in Beruf und Familie wirklich zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Man muss das einfach in allen Bereichen – Familie, Beruf, Freundeskreis – konsequent vorleben.

 

Sandra Roggow: Stichwort Entgelt-Transparenzgesetz: Geben Sie den MitarbeiterInnen auch Einblick in die Gehälter, um Ungleichbehandlungen auszuschließen?

 

Gisela Warmke: Unsere Gehälter sind in Ebenen aufgebaut, damit eine gute Vergleichbarkeit gegeben ist. Es steht den MitarbeiterInnen frei, sich über ihre Gehälter auszutauschen – früher war das ja oft verboten –, allerdings legen wir aus Datenschutzgründen nicht alle Gehälter für alle offen.

Norbert Jagemann: Die Muttergesellschaft hat ja auch seit 2015 einen Betriebsrat, der daran mitarbeitet, die Gehälter gerecht zu halten.

 

WIR BRAUCHEN EINE GESETZLICH VORGEGEBENE FRAUENQUOTE

Sandra Roggow: Was raten Sie Unternehmen, die mehr Frauen in Führungspositionen bringen und gerechte Gehälter schaffen wollen, aber noch nicht genau wissen, wie sie das machen sollen?

 

Gisela Warmke: Ich würde empfehlen, andere Firmen zu besuchen und sich vor Ort anzusehen, wie Gleichberechtigung gelebt wird. Das macht es leichter, den eigenen Ansatz zu finden.

Norbert Jagemann: Mein Rat wäre, die Führungsposition so aufzusetzen, dass das mit Gleitzeit und im Rahmen einer 40-Stunden Stelle machbar ist.

 

Sandra Roggow: Gibt es bei Ihnen Jobsharing in der Führungsposition?

 

Gisela Warmke: Wir haben in allen Bereichen sehr viele Teilzeitkräfte. Viele Mitarbeiterinnen möchten je nach Lebensphase weniger arbeiten und wir achten bei entsprechenden Positionen darauf, dass sich das inhaltlich ergänzt. Das funktioniert auch in Führungspositionen so. Für die Firma hat das den Vorteil, dass man einfach mehr Personen hat, auf die man im Notfall zurückgreifen kann, zum Beispiel bei Krankheiten. Und auch für kranke MitarbeiterInnen ist es entlastend, wenn sie wissen, dass ihre Arbeit nicht liegen bleibt.

 

Sandra Roggow: Haben Sie Forderungen an die Politik, um Frauen entsprechend zu fördern?

 

Norbert Jagemann: Ich sehe da zweierlei: Zum einen bin ich durchaus ein Freund einer gesetzlich vorgegebenen Quote in Großunternehmen. Ich glaube, dass gesetzliche Vorgaben und Verbote – das kennen wir zum Beispiel aus dem Umweltbereich in unserer Branche – extrem erfolgreich sind und auch bei Genderfragen darf durchaus der Staat regulierend eingreifen. Das andere ist einfach die Förderung von Mädchen und Frauen in technischen Berufen von der Schule an – da besteht nach wie vor ein Mangel.

Sandra Roggow: Sehr spannend. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

 

FAKTEN ZUM UNTERNEHMEN

Branche:  Carsharing/Mobilitätsdienstlister

Anzahl Mitarbeiter international:  300 Mitarbeiter

Anzahl Mitarbeiter in Deutschland:  220 Mitarbeiter

Umsatz international: 30,7 Millionen Euro im Jahr 2018

Umsatz in Deutschland: 17,8 Millionen Euro im Jahr 2018

Frauenquote in Deutschland (erste drei Führungsebenen): 39 Prozent

 

 

DAS #30MIT30 TEAM BEI DIESEM INTERVIEW 

Interview:  Sandra Roggow

Autorin:  Janine Matthees

Lektorat: Janine Matthees, Sandra Roggow, Nadine Bütow

Grafiken: Nadine Bütow

Social Media Kommunikation: Claire Zeidler

 

Projektleitung: Nadine Bütow

Initiatorin: Maren Martschenko

 

WAS IST #30MIT30?

#30mit30 ist eine Kampagne der Digital Media Women (#DMW), die wir 2019 gestartet haben. Dabei suchen wir 30 in Deutschland ansässige Unternehmen aus allen Branchen ab einer Größe von 100 Mitarbeitern, die in den ersten drei Führungsebenen einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent vorweisen können. Dieser Anteil muss innerhalb eines Zeitraumes von drei bis fünf Jahren erreicht worden sein.

 

Wir wollen zeigen, dass und wie es in Unternehmen gelingen kann, den Anteil an Frauen in Führungspositionen auf 30+ Prozent zu erhöhen! Wir wollen den Weg dieser Erfolgsgeschichten sichtbar machen und die Ergebnisse mit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft teilen. Unsere Kampagne soll Quelle der Inspiration und Impulsgeber für andere Unternehmen sein, die sich auf den gleichen Weg begeben wollen – aber nicht wissen, wie. #30mit30 schreibt positive Geschichten über die Machbarkeit von Vielfalt in Führungsetagen, ihre Wirksamkeit und die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen in Deutschland. Mehr erfahrt Ihr in unserem One-Pager zu #30mit30 oder im FAQ.

 

Bewerbungen sind über unsere Website oder per Email an 30mit30@digitalmediawomen.de möglich.

 

UNSER PARTNER

Wir danken unserem Medienpartner Newsaktuell für die Unterstützung der #30mit30 Kampagne. Wenn Du die Kampagne #30mit30 unterstützen möchtest, als Medienpartner oder Firmen-Sponsor, schreibe uns unter 30mit30@digitalmediawomen.de.

 

WIE DU #30MIT30 UNTERSTÜTZEN KANNST:

Wir würden uns freuen, wenn Du den Erfolg der Kampagne aktiv gestaltest und begleitest. Das kannst Du folgendermaßen tun:

  1. Teile die Inhalte und Vorbilder der Kampagne unter dem Hashtag #30mit30 auf Deinen Online-Kanälen und berichte interessierten Menschen und Unternehmen von der Kampagne.
  2. Blogge oder schreibe als JournalistIn über die Kampagne. Hier geht es zum Pressekontakt.
  3. Unterstütze die ehrenamtliche Arbeit der Digital Media Women und werde #DMW-Fördermitglied. Unternehmen können uns mit einem #30mit30-Kampagnen-Sponsoring unterstützen.

 

Fotocredits: cambio

 

 


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