Gleichgestellt? Denkste! Mit Tipps zum Weltverbessern

Geschrieben von | · · · · | Women | 4 Kommentare zu Gleichgestellt? Denkste! Mit Tipps zum Weltverbessern

Gleichstellungsbericht, Quelle: BMFSFJ

Der erste Gleichstellungsbericht des BMFSFJ

Du bist weiblich? Du kannst dich von dem Geld, das du verdienst, selbst und eigenständig finanzieren? Herzlichen Glückwunsch, dann gehörst du zu einer Minderheit der Frauen in Deutschland, die ihre Existenz selbst sichern (können). Das ist eines der Ergebnisse des Gleichstellungsberichts „Neue Wege gleiche Chancen“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (S. 236).

Erstmal die guten Nachrichten:

Der 256-seitige Bericht bietet Argumentationspotential für: ein Diensthandy, eine Putzfrau, bezahlte Kinderbetreuung und individuelle Verwirklichung der Frau im Erwerbsleben. Denn: Was zurzeit im Frauenerwerbsleben abläuft, führt zum Kollaps unserer Gesellschaft – Deutschland wird ineffektiv und kann mit dem Innovationspotential anderer Länder nicht mehr mithalten, wenn es so weitergeht. Oder wie der Gleichstellungsbericht formuliert: „Effektive, innovative Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, das sie alle Begabungspotenziale ausschöpfen“ (S. 240).

Wir werden abgehängt. Von Ländern, in denen Frauen und Männer gleichberechtigt arbeiten. Wir werden nicht genügend Fachkräfte haben. Und angesichts der demografischen Entwicklung und der Scheidungsquoten (in Kompatibilität mit dem reformierten Unterhaltsrecht) werden Familienfrauen im Trennungsfall ganz schnell zu Familienernährerinnen. Das muss als Exit-Perspektive mitgeplant werden, Mütter! Also… hier die harten Fakten:

  • Frauen verdienen durchschnittlich 23 Prozent weniger pro Stunde als Männer.
  • Mehr als zwei Drittel aller Niedriglöhner in Deutschland sind Frauen.
  • Und „nur ein Teil dieser Geschlechterdifferenz bei Löhnen lässt sich durch Unterschiede bei den Ausstattungsmerkmalen, wie Qualifikation, Erwerbserfahrung oder Branchenzugehörigkeit, erklären“ (S. 236)
  • In der Privatwirtschaft ist der Anteil von Frauen in der ersten und zweiten Führungsebene von 8,2 Prozent auf 19,6 Prozent gestiegen (1995 bis 2010). Die großen Unternehmen (mit einem Umsatz von mehr als 20 Millionen Euro) haben diesen Trend leider verpasst. Hier stieg der Anteil der führenden Frauen lediglich von 3,2 auf 5,9 Prozent. Merke: Konzerne sind ein hartes Pflaster.

Was machen wir jetzt mit dem neuen (eigentlich allzu bekanntem Wissen)? Wir Digital Media Women sind ja nicht so für Sitzstreiks, Brennnesseltee-Diskussionsgruppen und politisch-emanzipatorische Forderungen. Wir machen lieber selbst. Daher hier einige attraktive Argumente für die Karriere der Frau, die ihr in den nächsten Wochen mal in Gesprächen mit den männlichen Entscheidern fallen lassen könntet:

Smalltalk-Idee im Gespräch mit Vorstand/ Cocktailparty/ Warteschlange an der Kasse:

„Übrigens hab ich neulich auf der Website des Familienministeriums gelesen…“:

  • Die Bedingungen für arbeitende Frauen stellen „eine volkswirtschaftlich bedenkliche Vergeudung von Ressourcen dar, die vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und (…) Fachkräftemangels nicht tragfähig ist“ (S. 239)
  • „(…Man) muss konstatieren, dass in der Gleichstellungspolitik in Deutschland unter einer Lebensverlaufsperspektive bislang kein konsistenter Politikansatz zu erkennen ist.“ Soll heißen: Frauen werden so gut ausgebildet wie nie und erzielen höhere und besser Bildungsabschlüsse als Männer, können aber die Familie nur schwer mit einem karriereorientierten Berufsleben vereinbaren (S. 239). Die Politik fördert hier Frauen und dort die Besteuerung für Alleinverdienerfamilien
  • Als Wirkung dieser Ursache gibt es wachsende Geschäftsfelder im Dienstleistungssektor (Kinderbetreuung, Haushalt- und Familiengedöns) (Geschäftsideen!), siehe S. 246 unten rechts.

Gesprächsleitfaden für das nächste Mitarbeitergespräch mit Chef:

  • Smartphone und Diensthandy machen „Verfügbarkeit statt Anwesenheit“ möglich, eine Chance, die Vereinbarkeit mit der Familie zu fördern – und ereignisabhängig zu gestalten.
  • Eine tolle Chance für unser Personalmanagement!
  • Sinnvolle Empfehlungen der Kommission an Unternehmen: ab Seite 243

Gesprächsleitfaden für den Lebenspartner:

„Schaaaaaaaaaaatz, …“

  • … Wenn wir eine Putzfrau hätten, wäre das ein  eklatanter Schritt raus aus der unbezahlten Fürsorge in eine abgesicherte Existenz – ich könnte mich dann noch besser um meine Karriere kümmern!
  • … Nein, wir bleiben heute nicht zuhause, die Kinder müssen sich eh an die neue Babysitterin gewöhnen, wenn ich Vollzeit arbeite. Bock auf Caipis?

Hinter die eigenen Ohren schreiben/ Note to Self:

  • Nur wer vollwertige Beiträge in Sozial- und Steuerungssysteme zahlt, ist stabil abgesichert.
  • Teilzeit ist ein Risiko für die Karriere – solange bis es die Mehrheit der Entscheider endlich schnallt, dass Anwesenheit keine Leistung an sich ist.
  • Konzerne sind ein schwieriges Pflaster für Frauen, die führen wollen.
  • Wer einmal in Teilzeit geht, trägt diese Narbe sein Erwerbsleben lang mit sich herum.
  • Die meisten Frauen können ihre Existenz nicht selbst sichern, sondern sind „Fürsorgerin“ und „Zuverdienerin“
  • Minijobs sind eine Falle, die zuschnappt, wenn Frau nach der Teilzeit wieder in Vollerwerb zurückkehren möchte.

Mit Freundinnen beim Glas Wein bequatschen:

  • Ey, Lebensläufe sind ja heutzutage so derbe fragmentiert, das wird von der Gesellschaftspolitik gar nicht aufgefangen, find ich.
  • Ältere Frauen haben ihr Leben auf tradierten Rollenmodellen aufgebaut, die heute gar nicht mehr angesagt sind. Was ist mit denen? Widerstand vorprogrammiert – Schwiegermutterargumente sammeln.

Ganz toll, der erste Gleichstellungsbericht – wir wünschen euch viel Spaß mit diesen Erkenntnissen und unseren Gesprächsleitfäden. Rock’n Roll, Girl!


Disclaimer: So viele tolle Argumente, für das, was wir sowieso wollen: gleichberechtigt arbeiten, gibt es schon nur in dem Kapitel „Zentrale Ergebnisse und Handlungsempfehlungen“. Den Rest der 200 Seiten hab ich nicht gelesen. Eine Zusammenfassung und eine Pressemitteilung gibt es hier.

Sarah Pust lebt vom Schreiben für etablierte und neue Medien: Als Redakteurin, Autorin und Texterin stöbert sie online und offline nach Themen aus IT, Gesundheit und Karriere, die unsere Gesellschaft bewegen. Und nach Geschichten, die interessant sind, nachdenklich machen oder gefallen. Oder was ihr sonst noch so aufgefallen ist.


4 Kommentare

sarah pust sagt:

3. Februar 2012 um 08:48

Dieser Kommentar einer Frau erreichte mich auf facebook: Die ganze Dialektik zeigt, dass unsere Generation auf „Sitzstreiks, Brennnesseltee-Diskussionsgruppen und politisch-emanzipatorische Forderungen“ unserer Eltern-Generation vogelperspektivisch herunterschaut und dabei vergisst, dass wir ohne die ganzen Sitzstreiks, Brennnesseltee-Diskussionsgruppen und politisch-emanzipatorischen Forderungen heute nicht da stünden, wo wir stehen. DAS war harte Arbeit! Zwischen Tür und Angel (Facebook und iPhone) und beim Vino-Schnack (besser: Tea Bubble-Smaltalk) wird keine von Dior durchsetzte Mini-Rock-Verhandlungsluft je ernst genommen. Wahrscheinlich müssen wir wieder das Schwitzen lernen und die Herrschaften wieder ordentlich schwitzen lassen.

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sarah pust sagt:

3. Februar 2012 um 08:51

Ich würde sagen, der Text zeigt eher, dass man an das Thema auch mit Humor rangehen kann. Natürlich haben die Frauen in den 70er tolles geleistet – aber wenn du heute noch mit Sitzstreiks gegen Gleichberechtigung vorgehen willst, dann bin ich in der Tat raus. Der Absatz bezieht sich auf die Einstellung, lieber selbst aktiv das Thema anzugehen, statt von ANDEREN zu FORDERN, dass sie doch endlich mal was ändern sollen

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Sarah Pust sagt:

3. Februar 2012 um 08:55

Sitzstreiks für Gleichberechtigung…

Nicole sagt:

3. Februar 2012 um 09:39

Die Sitzstreiks und die Brennesselteetrinkerei haben meiner Meinung nach gar nichts gebracht. Da musste man schon früher und müsste man heute schon schwerere Geschütze auffahren. Sich z.B. mit „Ich habe abgetrieben“ outen, hat wirklich Selbstbestimmung gebracht. Wem das zu viel ist, kann sicher mit Humor weiter kommen als mit Zickigkeit. Bessere Bildung und bessere Jobs haben auch mehr gebracht, wenn auch, im Verhältnis, nicht genug. Aber solange Frauen eine lebenslange, volle Erwerbstätigkeit nicht als normal und erstrebenswert ansehen, sondern immer noch viel zu viele von einer Versorger-Beziehung träumen, werden sie benachteiligt sein. Meine Mutter und meine Großmutter waren beide emanzipiert, weil sie eigene Jobs hatten, nicht weil sie (nicht) demonstriert haben. Und die Kleiderfrage hatte übrigens auch keine Bedeutung, weil weder Minirock noch lila Latzhose darauf Einfluss haben, wie gut oder schlecht ich meinen Job mache. 😉

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