Brauchen Selbstständige eine Lobby? Ergebnisse der Umfrage in Koop mit VER.DI und LMU

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Im April haben wir #DMW Euch gebeten an der Umfrage in Kooperation mit VER.DI und der LMU (Ludwig-Maximilians-Universität in München) teilzunehmen.

Vielen Dank an alle, die sich an der Umfrage beteiligt und oft sehr ausführlich geantwortet haben.

Die ersten Ergebnisse haben wir #DMW Anfang Juni zusammen mit unseren Kooperationspartnern (VER.DI und LMU) einer kleinen Gruppe von Multiplikatoren aus der Gründer- und Selbständigenszene vorgestellt:

  • Welche Interessen oder Unterstützungsbedarfe haben Freelancer, bzw. Solo-Selbständige?
  • Macht es Sinn, dafür eine Art Interessensvertretung zu schaffen?
  • Wenn ja, wie kann diese organisiert werden?

Wir (die Akteure der Umfrage sind hier vorgestellt) sind also aus unserem „stillen Kämmerchen“ herausgetreten und haben eifrig dazu diskutiert, ob und wie wir mit den Ergebnissen vorgehen sollen.

 

 

Das Umfrageergebnis:

► Die Kernfrage:

Welche Bedürfnisse haben Freelancer und Solo-Selbstständige und braucht es dazu eine neue Interessenvertretung?
Hierfür haben wir drei grundlegende Bedürfnisse identifiziert:

  1. Individuelle / persönliche Bedürfnisse (z.B. Wertschätzung)
    –> Akteure wie #DMW, individuelles Coaching und Mentoring
  2. Unternehmerische Bedürfnisse (z.B. Gesundheits- und Altersvorsorge)
    –> Akteure wie Deutscher Gründerverband oder IHK
  3. Politische Bedürfnisse (z.B. Umsatzsteuer, Scheinselbständigkeit)
    –> Akteure wie MiB (Mittelstand in Bayern)

► Die wirtschaftliche Situation

Meine wirtschaftliche Situation lässt sich in Stichworten so beschreiben:

Sehr gut (10 Befragte, 7%)  „Sehr gut, da ich unterschiedliche Standbeine habe. So kommt Einkommen aus den Bereichen Bücherschreiben, Radiosendungen, Zeitungsartikel, Ausstellungen kuratieren, Lesungen und Auftritte anderer Art.“

Gut (45 Befragte, 32 %) „Gut, solange Rahmenverträge vorliegen. Krankheit macht unsicher, dafür viel Flexibilität bei den Kindern.“

Schwierig (41 Befragte, 29 %) „Schwierig, ups und downs, es geht vorwärts, aber immer wieder angespannt. Miete und Essen möglich, Urlaub nein.“

Prekär (26 Befragte, 19 %) „- von Aufs und Abs stark geprägt – macht mir hin und wieder schlaflose Nächte, weil ich noch nicht mal jeden Monat genug habe, um den wichtigsten Verpflichtungen nachzukommen – bereits alle Rücklagen aufgebraucht und keine neuen aufbauen kann, weil die Umsatzsteigerung ihre Zeit braucht“

Nur Nebeneinkommen, keine Einordnung (insgesamt 17 Befragte, 12 %)  

Schlussfolgerung: Über der Hälfte der Befragten geht es wirtschaftlich nicht gut

► Beratungswünsche

Screenshot Ergebnisse Umfrage „Wirtschaftliche Situation“ (c) LMU Freelancer Befragung 2018

Von einem regionalen Netzwerk für Selbstständige und Freelancer erwarte ich mir folgende Unterstützung für meine berufliche Tätigkeit (Mehrfachnennungen):

Screenshot Ergebnisse Umfrage „Erwartung Unterstützung“ (c) LMU Freelancer Befragung 2018

 

Schlussfolgerung:  Der Wunsch nach Beratung ist da!

► Erfahrungsaustausch

Meine bisherigen Erfahrungen mit der Vertretung der Interessen von Selbstständigen durch solche Organisationen würde ich so zusammenfassen:

Positiv (30 Befragte, 22 %)

„Für direkte Hilfe bin ich v. a. der Gewerkschaft sehr dankbar. Grad am Anfang, ohne Geld, war das klasse.“

Zwiespältig (33 Befragte, 24 %)

„Es ist schwierig, die ‚unterschiedlichen Realitäten‘ unter einen Hut zu bringen.

Jenseits von Detailinteressen halte ich in den Zusammenschluss und die gemeinsame Vorgehensweise in den Themen soziale Sicherung für unabdingbar.“

Negativ (16 Befragte, 12 %)

„Keiner erkennt die Probleme oder keiner will sie wissen. Hauptsache Arbeit, egal wie und den Einsatz der Gewerkschaft würde ich mir wünschen, aber die machen nichts ohne Mitgliedschaft und das sind zu wenige von uns

– obwohl es dringend notwendig wäre!“

Keine Erfahrung (27 Befragte, 19 %)

„Wusste ich gar nicht, dass es die gibt!“

„Es gibt eigentlich keine Vertretung. Es wäre u.U. sehr hilfreich, aber die Klientel ist sehr unterschiedlich, die Arbeitsverhältnisse, die ökonomische Situation etc.“

Keine Angaben (33 Befragte, 24 %)

 

Das Feedback zur ersten Vorstellung der Ergebnisse:

„Es gibt nicht den typischen Selbständigen, aber es gibt typische Probleme, die man zur Gemeinsamkeit machen kann; dem gegenüber stehen Gruppen, die diese Probleme besonders gut lösen; davon können sich Lösungsansätze für alle ableiten lassen.“

Hans J Pongratz, Professor an der LMU, Institut für Soziologie

„Durch Begriffe wie „Scheinselbständigkeit“ werden Selbständige stigmatisiert“

Ingolf Brauner, Präsident Mittelstand in Bayern.

„KSK (Künstlersozialkasse) für alle; viele Freie und Selbstständige tragen sonst Sozialversicherungsabgaben im Vergleich zu Angestellten zu hundert Prozent allein, ohne hälftigen Arbeitgeberzuschuss“

Agnes Kottmann, Gewerkschafterin für Medien und Kultur, Selbstständigen-Aktive in ver.di

„Auf welchen Werten könnte eine Interessensvertretung aufbauen? Werte sind abhängig vom Berufsfeld und der Gesellschaft. Wertschätzung, Vertrauen, Mut und Zuversicht sind wichtige Themen!“

Ruth Schöllhammer, Vorstand Deutscher Gründerverband

Brauchen wir eine Diskussion zu freiwillig Selbständigen (#Freiheit) und zwangsweise Selbständigen (#Schutz)?

 

► Begrifflichkeiten / Glossar

Die Begriffsabgrenzung Freelancer, Selbständige, Gründer und Solopreneure ist in Deutschland nicht klar, was zu Verunsicherung führt. Deshalb hier eine kurze Begriffsdefinition:

Freelancer: Freie Mitarbeiter, Honorarkraft ­– meist B-to-B. Führt auf Grundlage eines Werk- oder Dienstvertrags Aufträge für mehrere Auftraggeber durch.

Selbstständige: Eigentümer eines Unternehmens. Der Begriff „selbstständig“ wird überwiegend im Gegensatz zu „nichtselbstständig“ bzw. abhängigen Beschäftigungsverhältnis definiert. Ein wesentlicher Aspekt zur Bestimmung der Selbstständigkeit: der/die Selbstständige ist nicht weisungsgebunden.

► TeilnehmerInnen Umfrage:

Gesamtzahl der eingegangenen Antworten (139) mit einem breiten Spektrum von beruflicher Selbstständigkeit, das in ihnen vertreten ist (Branchen: v.a. Beratung, Journalismus, Grafik und Design, IT, Bildung – bei meistens hohem Qualifikationsniveau).

Unsere Schlussfolgerung als #DMW: Sind wir #DMW die richtigen Ansprechpartner?

Die Frage, die wir uns als Digital Media Women stellen, ist es unsere Aufgabe, gehört es zu unserer Vision, unseren Zielen, Selbstständige zu vertreten und für sie Lobby-Arbeit zu machen?

Da wir dieses nicht alleine beantworten können, stellen wir Euch die Ergebnissen der Umfrage zur Verfügung. Wir freuen uns auf Euer Feedback, damit wir entscheiden können, ob und wie wir es in einbinden sollten.

Beate Mader, Foto: Simone Naumann

Seit 2005 Selbstständig als Kommunikationsberaterin und strategischer Businesscoach für Positionierung bei Beate Mader VISION³. Regional vernetzt über das WirtschaftsForum Oberland e.V., GO Business und dem Regionalausschuß der IHK. Ausgezeichnet als IHK-Role Model Unternehmerin 2017. Bei den Digital Media Women seit 2014 aktiv im Regionalteam München. 2016 -2018 Head of externe Kommunikation der #DMW. Begeisterte Live Berichterstattungen mit Foto, Sketchnote, Video, Twitter. Privat: Pferde, Schottland und meine Heimat im Süden von München.


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