Die Kraft von Empowerment – Recap TEDxHamburg 2018

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Man wird fast ein wenig emotional bei diesem Verhältnis. 80:20. Was früher deutlich für die männliche Übermacht sprach, stand bei der TEDxHamburg für das Gegenteil. 80 Prozent der teilnehmenden SpeakerInnen waren weiblich. Ein Novum. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es das jemals gab. Verantwortlich für die weibliche Power waren die beiden TEDxHamburg-Hosts Caren Brockmann und TEDxAmbassador Stephan Balzer.

 

TEDxHamburg: Von „Yes, we can“ zu „Yes, we will“ und „Yes, we did!“

Die diesjährige TEDxHamburg war politisch, emotional und aufrüttelnd. Die TEDx-Talks befassten sich beinahe ausnahmslos mit den fundamentalsten Elementen für eine funktionierende Gesellschaft und ein stabiles Weltgefüge: liberale Demokratien, Rechtsstaatlichkeit und Frieden. Was hat das alles mit uns, den #DMW zu tun? Nun, bei allen Themen geht es um Empowerment und was es langfristig erreichen kann. Wer sich Sichtbarkeit erkämpft hat, der hat die Macht, gar mehr zu bewegen. #Sichtbarkeit ist der erste Streich – und die weiteren folgen zugleich. Über die Kraft von echtem Empowerment.

 

Stephan Balzer und Caren Brockmann, TEDxHamburg 2018 (Foto: Sebastian Gabsch)

Das Russische Lebens-Roulette

Den Auftakt machte der Sozialunternehmer Paul Bethke mit seinem Talk „The Russian Roulette of Life“. Er erinnerte uns daran, in welch privilegierte Lage wir hineingeboren wurden. Wir müssen nicht hungern, wir müssen nicht fliehen oder um unser Leben fürchten. Trotz dieser Tatsache gelingt es uns häufig nicht, unseren Reichtum an Möglichkeiten wertzuschätzen. Paul ist der Co-Founder und Ideengeber von Lemonaid, das wir alle durch das Produkt „Charitea“ kennen.

 

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Der Anstoß kam vor vielen Jahren, als er als Entwicklungshelfer für eine NGO arbeitete und viel Zeit in Sri Lanka verbrachte. Schon damals stellte er fest, dass Entwicklungsgelder häufig keinen eindeutigen Projektbezug hatten. In der Folge erreichten sie nicht jene Menschen, die die Gelder am nötigsten brauchten: Kleinbauern, Familien, die eigentlichen Glieder der Wertschöpfungskette von Produkten. Er beschloss, dieses Missverhältnis zu verändern. Der Hilfsgedanke stand dabei immer über allem. Die Limonade war nur Mittel zum Zweck. Jetzt fließen fünf Cent jeder verkauften Charitea-Flasche an gemeinnützige Projekte – und zwar in jene Communities, die für die Wertschöpfung der Limo mitverantwortlich sind. Sein Aufruf zum Ende seines Talks: „Let’s just remember 1 min a day, in what lucky position we are.“ Recht hat er.

 

 

Online-Zensur im Zeichen der nationalen Sicherheit

Jillian York untersucht seit vielen Jahren die Entwicklung von Online-Zensur im Netz. Die Aktivistin für freie Meinungsäußerung arbeitet bei der Electronic Frontier Foundation (EFF) und konstatiert, dass die Zensur von Seiten der großen Internetgiganten aus dem Silicon Valley, allen voran Facebook , Twitter und Co., eine der größten Bedrohungen für unser Recht zur freien Meinungsäußerung darstellt. Die Konzerne hätten die Macht, die Normen darüber zu definieren und zu verändern, was wir in der Öffentlichkeit sagen, schreiben oder illustrieren.

 

EFF macht diese Fälle öffentlich und erstreitet das Recht zur Meinungsfreiheit in schwierigen Fällen auch vor Gericht. In ihrem Vortrag zog Jillian eine vorläufige Bilanz und beschrieb eine Reihe erfolgreicher Projekte, in denen Zensur zur reinen Willkür mutierte und Menschenrechte beschnitt. Denn etwas machen wir uns aus ihrer Sicht zu selten bewusst: das Grundgesetz bzw. die Verfassung steht über allen internen Konzernregeln. Wenn das Recht auf Meinungsfreiheit verletzt wird, müssen wir uns dagegen wehren.

 

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Make a friend – make peace – embrace your enemy

Seit 70 Jahren n. Chr. schwelt der Nahost-Konflikt bereits und bringt Jahr für Jahr unzählige Opfer. Juden, Moslems, Christen – drei Religionen und drei Weltanschauungen treffen hier aufeinander. Es sind jedoch in allererster Linie nicht die unterschiedlichen Haltungen zu Leben und Religion, die die Konflikte untereinander schüren. Die Quelle allen Konflikts ist die „Entmenschlichung“ und die Schaffung von „anonymen Opfern und Tätern“, sagt Joana Osman. Jede Form von Auseinandersetzung wird damit gesichtslos und lädt zu Schuldzuweisungen ein.

 

Was aber passiert eigentlich, wenn sich Menschen als das begegnen, was sie im Ursprung wirklich sind: als Menschen? Menschen mit ihren Interessen, ihren Leidenschaften, ihrem Fühlen und Denken. Als Tochter eines palästinensischen Vaters und einer deutschen Mutter hat Joana den israelisch-palästinensischen Konflikt hautnah miterlebt und stetig den Drang in sich verspürt, ihm etwas Positives entgegenzusetzen. Also kontaktierte sie einst einen Fremden, ihren „Feind“, und widersetzte sich damit dem allgegenwärtigen politischen Postulat.

 

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„Mit dem Feind Freundschaft zu schließen ist der revolutionärste Akt auf der Welt. Es verändert dein Leben.“ Gemündet ist diese eine Begegnung in der sozialen Online-Bewegung „The Peace Factory“, die Menschen aus dem Nahen Osten miteinander verbindet und in einen interkulturellen Dialog bringt. Empathie und gegenseitiges Verständnis ist die Basis der Begegnungen. Seit ihrer Gründung im Jahr 2013 hat sich die Peace Factory zu einer wahren globalen Bewegung entwickelt. Möge ihre positive Kraft weiter tragen!

 

Was bei Obama falsch gelaufen ist (und wie man es korrigieren kann)

Emotional ging es weiter, als Jessica Berlin die Bühne betrat und ein leidenschaftliches Plädoyer für die Menschlichkeit, für mehr Empathie und kollektives Engagement hielt. Sie ist Gründerin und Geschäftsführerin von CoStruct, einem Unternehmen, das NGOs und Organisationen bei der Skalierung von Technologielösungen in Schwellenländern berät und begleitet. Für die Gründung dieses Unternehmens hat sie ihren gutbezahlten Job an den Nagel gehangen.

 

Ihre eigene Vergangenheit und die weltweiten Entwicklungen zwischen Brexit, Trump und aufkommendem weltweiten Nationalismus und Populismus rüttelten sie wach. Bevor wir zum „Yes, we can“ kommen, sagt sie, müssen wir das „Yes, we will“ fühlen und leben. Wie kann ich meine Energien für Veränderungen einsetzen, wie kann ich andere mobilisieren, wie klar machen, dass Empathie keine moralische Tugend ist, sondern die Basis von allem bildet? Quit talking, start doing. Denn „Yes, we can“ genügt nicht. Nur der Wille trägt uns weiter zum “Yes, we did.”

 

 

Wir brauchen mehr Co-Menstruatoren!

Als Cordelia Röders-Arnold am 23.6.2001 zum ersten Mal ihre Periode bekam, war die Reaktion ihrer Mutter nicht unbedingt die, die sie sich erwartet hatte: „Hier, nimm eine Binde“. Die Periode, das Geschenk der Natur für den Kreislauf des Lebens, war plötzlich ein Fluch? Wie kann das sein, wenn 50 Prozent der Weltbevölkerung bluten und wir das auf unser gesamtes Leben betrachtet ganze sechs Jahre lang tun? Hinzu kommt, dass die anderen 50 Prozent der Weltbevölkerung damit nicht in Berührung kommen. Die Gesellschaft hat es tatsächlich geschafft hat, ein brettdickes Tabu daraus zu machen. Und es hält sich hartnäckig. So sehr, dass Cordelia genug davon hatte.

 

Zeit, endlich Co-Mentruatoren zu schaffen und den anderen Teil über die wahren Umstände einmal aufzuklären! Die TEDxHamburg war dafür die perfekte Bühne. Daraus wurden 10 wunderbare, humorige Fakten, „die Männer über die Menstruation wissen sollten“.

 

Meine vier Lieblingsfakten über die Menstruation

  1. Menstruationsblut ist nicht blau! Richtig. Bitte nehmt die bisherige Reklame, in denen offenbar königliches Blut in die Binden geträufelt wird, nicht für voll!
  2. Es ist eine super normale Superkraft und Garant dafür, dass unser reproduktives System einwandfrei funktioniert! Ist das nicht eine wunderbare Nachricht für eine alternde Gesellschaft wie die deutsche?
  3. Die Kirche war kein großer Fan der Menstruation. Spätestens hier war die Party dann vorbei. Im Buch Levitikus 15,19 heißt es tatsächlich: Hat eine Frau Blutfluss und ist solches Blut an ihrem Körper, soll sie sieben Tage lang in der Unreinheit ihrer Regel verbleiben. Wer sie berührt, ist unrein bis zum Abend.
  4. Menstruation ist eines der größten Tabus in der Gesellschaft, auch in unserer. Und wie es mit vielen Tabus ist, hängt sich auch dieses vornehmlich an mangelndem Wissen auf. Es ist auch Folge jahrzehntelangen Versteckens von Tatsachen, endlosen Versuchen, weniger peinliche Synonyme zu kreieren (wir erinnern uns alle an die „Erdbeerwoche“).

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Mittlerweile ist Cordelia selbsternannte Perioden-Expertin bei Einhorn, einem Berliner Fairtrade-Startup, und kämpft weiter für ihre Enttabuisierung. Ein herrlicher Vortrag, der für viel Schmunzeln, laute Lacher und ein wenig Knacken sorgte. Das war die Hülle. Sie ist an jenem Tag ein Stück aufgebrochen. Die Influencerin Leila Summa führte im Nachgang ein Interview mit Cordelia zu ihrem TEDxTalk.

 

Musikalische Schmuckstücke bei der TEDxHamburg

Es gab an jenem Tag bei der TEDxHamburg noch zwei grandiose Performances. Den Originalgesang von Leona Berlin hört ihr in dem eingebetteten Video. Sivan Talmor dürft ihr euch demnächst auch nicht entgehen lassen. Mit „Falling“ hat die israelische Sängerin hat einen bemerkenswerten Song geschrieben.

 

 

6 Stunden vergingen wie im Fluge im Beiersdorf-Auditorium, das im Inneren wie eine menschliche Zelle aufgebaut war. Das Unternehmen war Hauptpartner der TEDxHamburg. Die #DMW waren als Medienpartner dabei und haben Community Tickets verlost. Danke an die TEDxHamburg und alle SpeakerInnen für diese wertvollen Impulse!

 

 

Nadine Bütow ist Kommunikations- und Strategieberaterin. Über 15 Jahre beriet sie internationale Unternehmen zu den Themen Krisenkommunikation, Positionierung, Politische und Digitale Kommunikation. Seit 2015 leitet sie das Kommunikationsnetzwerk CommsART und unterstützt vor allem Mittelständler und kleine Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung. Nadine ist seit 2018 im Orgateam der #DMW in Berlin und setzt sich für mehr Sichtbarkeit für Frauen auf deutschen Bühnen ein.


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