10 Jahre TEDxBerlin: Geschichten, die das Leben schreibt

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10 Jahre, 14 Talks, 1.100 Besucher. Das waren die groben Parameter der diesjährigen TEDxBerlin. Vor 10 Jahren holte Stephan Balzer die berühmte Innovationskonferenz nach Deutschland. In Berlin feierte sie nun ein fulminantes Jubiläum und wartete mit beeindruckenden Redner*innen auf. Karoline und ich waren beim Spektakel dabei.

 

Rote Lettern verändern die Welt

Wer TED hört, denkt sofort an Ideen, Impulse, spannende Rednerbeiträge vor roten Lettern, die Wege aus einer persönlichen Gedankenkrise aufzeigen können oder schlicht inspirieren. Der lokale Konferenzableger TEDxBerlin steht dem in nichts nach. Ideen sollen die Welt verändern, Geschichten Menschen mitreißen.

 

Die Redner*innen kommen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Unter ihnen sind Künstler, Journalisten, Philosophen, Wissenschaftler, Unternehmer oder einfach Menschen, die mit ihren Fakten und ihrer Authentizität aufrütteln. So geschehen in Berlin zur 10 Jubiläumsfeier. Begeistert haben uns die zahlreichen Frauen auf der Bühne. Hannah Bürckstümmer, Oooota Adepo, Kristina Paltén, Anne Philippi und andere begeisterten mit ihren vielfältigen Vorträgen. Doch der Reihe nach.

 

 

Mensch, MEUTE!

Mit großem Getöse brach die Techno-Marching Band MEUTE aus Hamburg die Stille des Saales in der Berliner Philharmonie. Eine Blaskapelle, die Techno spielt und die Besucher wörtlich aus ihren Sitzen blies. Im tobenden Saal betrat wenig später Talia Sanhewe die Bühne. Die ehemalige BBC-Afrika Journalistin moderierte die Konferenz und kündigte sodann den ersten Speaker an: William Browden. Seine Lebensgeschichte sorgte für betretendes Schweigen.

 

„Wie ich Putins Staatsfeind Nr. 1 wurde“

William Browder war bis 2005 einer der größten Investoren in Russland, bis er mit seinem Anwalt auffällige Geldströme aufdeckte und damit Korruptionsvorfälle in russischen Staatsunternehmen. Als Browden die Vorfälle mit seinem Anwalt Magnitski öffentlich machte, begann für Magnitski selbst eine Tortur in russischen Gefängnissen, die ihm das Leben kosten sollte. Die folgende Lobbykampagne von Browden führte zum Erlass des sogenannten Magnitsky Act, den der frühere Präsident Obama unterzeichnete. Das Gesetz verbietet Russen, die nach Einschätzung des US-Senats in Magnitskis Tod verwickelt waren, die Einreise in die USA und friert ihre amerikanischen Konten ein. Später wurde das Gesetz auf andere Teile der Welt ausgeweitet. Der Stille im Publikum bei diesem hochpolitischen Talk folgten Standing Ovations und sichtlich gerührte Gemüter.

 

Eine druckbare, flexible organische Solarzelle

Bevor es in die Lunch-Pause ging, betrat die Wissenschaftlerin Hannah Bürckstümmer die Bühne: am rechten Fuß ein klobiger Trekking-Schuh, links ein Pump. Ein Bezug auf die Disbalance zwischen dem, was wir der Umwelt aus Emissions- und Ressourcensicht zumuten und dem, was sie in der Lage ist, zu kompensieren und zu reabsorbieren. Heute, sagt Hannah, leben wir in einer Situation, in der wir bei weitem mehr Ressourcen verbrauchen als der Planet in der Lage ist zu regenerieren. Bereits zur Mitte des Jahres seien diese Ressourcen bereits erschöpft gewesen. Ein Leben im Übermaß. Dafür steht der Wanderschuh, der Hannah sichtlich zu groß ist. „Das ist so, als würden wir unser Gehalt bis zur Mitte des Monats verprassen, um dann für den Rest der Zeit auf Pump zu leben.“ Das ginge sicherlich für eine kurze Zeit. Früher oder später, sagt Hannah, begeben wir uns damit jedoch in große Schwierigkeiten.

 

Die Kernfrage ist dabei immer: Wie kann man Energie umweltfreundlich und wirtschaftlich produzieren? Seit Jahren forscht sie beim Pharmakonzern Merck an einer Lösung, die nun in einer organischen, flexiblen Solarzelle Ausdruck findet. An Gebäuden oder auf Fenstern erzeugt sie Strom oder spendet Schatten. Denn der Betrieb von Gebäuden nimmt ca. 40 Prozent unseres gesamten Energiebedarfs ein. Die sogenannte organische Photovoltaik (OPV) bietet daher enorme Potentiale. Vielleicht trägt Hannah bei ihrem nächsten TEDx Talk zwei Pumps. Unserem Planeten wäre es zu wünschen.

 

Lauf in dein Leben!

Die Schwedin Kristina Paltén erzählte von ihrer tiefen Lebenskrise und dem Weg zurück ans Licht. Kristina suchte nach dem, was viele im Außen unter Bilderbuch-Leben verstehen: Mann, Haus, Kind, Karriere. Das Leben entschied anders für sie. Der Mann war weg, ihre Karriere verlief in unsteten Bahnen und zu allem Überfluss stellte sich heraus, dass sie keine Kinder bekommen könne. Bähm! Aus. Vorbei. Ihr Geist gefangen.

 

 

Dann fing sie an zu laufen. Sie lief und lief. Erst kurze Strecken. Dann immer längere. Sie stellte Weltrekorde auf, machte Unmögliches möglich. Das Laufen wurde zu ihrem Leben. Laufen, weg von der einen Realität hinein in eine andere, der echten Realität, auf der Suche nach dem Sinn, nach wahren Herzenswünschen. 2015 führte sie ihr Weg als erste Frau überhaupt 1800 Kilometer quer durch den Iran, ein Land, das im Westen oft auf ein einseitig geprägtes, häufig negatives Bild trifft. Doch was sie vorfand war ein Volk voller Herzlichkeit, Freude und Gastfreundschaft. Sie machte deutlich: Feindschaft beginnt im Kopf, Freiheit auch. Um die echte Welt zu verstehen, muss man sie fühlen und erleben. Es war einer der emotionalsten und bewegendsten Vorträge auf der TEDxBerlin.

 

Hank Moody und die weibliche Midlife-Crisis

Herrlich erfrischend war der Talk von Anne Philippi, die, ohne es zu ahnen, in eine Lebensmittekrise geriet. Was hat Hank Moody damit zu tun? In der Serie Californification ist er der Inbegriff der Midlife-Crisis. Doch die sah verlockend gut aus: er lebte in Saus und Braus, war attraktiv, düste mit einem schnittigen Porsche durch LA. Also wollte Anne wie Hank werden. Raus aus Berlin, rein in ein Leben voller verrückter Unvernunft und ungebändigter Freiheit in den USA. Im Nachhinein betrachtet gab es einen großen Haken an der Sache. Anne war kein Mann.

 

Dass die Midlife-Crisis kein rein männliches Phänomen ist, ist das eine. Sie drückt sich bei beiden Geschlechtern vor allem sehr unterschiedlich aus. Bei Frauen verläuft sie häufig an der Öffentlichkeit vorbei, wenig bis nicht sichtbar, aber nicht minder kraftvoll. Anne tat alles, um der Krise die Stirn zu bieten. Sie fuhr mit Hank Moody (David Duchovny) in einem roten Porsche durch Hollywood, wurde ein Rebound-Girl, suchte ihr Heil in exzessivem Joga („I namasted like there is no tomorrow“) und fand – nichts. Die U-Curve war erreicht, der absolute Tiefpunkt im Leben von Menschen zwischen 40 und 50 Jahren, so beschrieb es das Magazin The Atlantic 2015.

 

 

Ja, auch Frauen können in die Midlife-Crisis geraten und auch dafür müssen Geschichten geschrieben werden. Wir machen den Anfang. Für beide, Männer und auch Frauen gilt: die U-Curve ist eine U-Curve ist eine U-Curve! Nach dem Tal geht es wieder aufwärts, ob mit oder ohne Moody Hank im roten Porsche. Attraktiv fand Anne ihn aus dem Tal kommend sowieso nicht mehr.

 

TEDxBerlin – Aus dem Leben gerissen

Es gab noch 11 weitere Talks, jeder von ihnen anders, vielseitig, spannend. Für jeden ist auf den Konferenzen etwas dabei. Eines steht nach so einem Besuch jedenfalls fest: die Geschichten reißen aus dem Alltag und katapultieren uns auf eine andere Lebensbühne. Ein Szenenwechsel der besonderen Art und der manchmal sein muss. Unsere Gewinnerinnen der Ticketverlosung, Karo und ich genossen das Spektakel. Wer weiß, vielleicht sind wir im nächsten Jahr als Medienpartner der TEDxBerlin wieder dabei!

 

Die Talks könnt ihr in Kürze auf der globalen TED-Plattform anschauen. Prädikat: sehenswert!

 

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Fotos: Sebastian Gabsch und Nadine Bütow

Nadine Bütow ist Kommunikations- und Strategieberaterin. Über 15 Jahre beriet sie internationale Unternehmen zu den Themen Krisenkommunikation, Positionierung, Politische und Digitale Kommunikation. Seit 2015 leitet sie das Kommunikationsnetzwerk CommsART und unterstützt vor allem Mittelständler und kleine Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung. Nadine ist seit 2018 im Orgateam der #DMW in Berlin und setzt sich für mehr Sichtbarkeit für Frauen auf deutschen Bühnen ein.


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