#30mit30 bei Vaude: Eine weiblich geprägte Führungskultur ist ein wichtiger Baustein für die Zukunft eines Unternehmens

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Im Rahmen der #30mit30-Kampagne suchen die Digital Media Women 30 Unternehmen in Deutschland, die einen Frauenanteil von mehr als 30 Prozent in ihren ersten drei Führungsebenen haben. Heute sind wir beim Outdoor-Ausrüster VAUDE. #DMW Anke Nehrenberg sprach mit Geschäftsführerin Antje von Dewitz.

 

 

Anke Nehrenberg: Wenn Sie über Führungskultur sprechen und nachdenken: Wie sieht es aktuell bei Ihnen aus?

 

Antje von Dewitz: Unsere Geschäftsleitung besteht aus mir als Geschäftsführerin und drei männlichen Kollegen. In der Bereichsleitung haben wir zwei Bereichsleiterinnen bei insgesamt sechs Damen und Herren. Auf der Ebene der Abteilungsleitung sind wir bei etwa 25 Prozent und bei der Teamleitung sind es um die 60 Prozent. Insgesamt kommen wir auf eine Quote von 43 Prozent weiblichen Führungskräften im Unternehmen.

 

Anke Nehrenberg: Wie haben Sie sich dahin entwickelt oder war das schon immer so?

 

Antje von Dewitz: Als ich ins Unternehmen gekommen bin, gab es keine weiblichen Führungskräfte. In der Phase habe ich viele Frauen für Führungspositionen angesprochen und ganz viele Absagen bekommen. Bei der Ursachenforschung stellte sich dann heraus, dass sich viele Frauen die Verantwortung nicht zugetraut haben. Dafür gab es viele Gründe. Zum Teil lag es an der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben oder aber auch an festgefahrenen Rollenbildern, wie eine Führungskraft zu sein hat, oder auch an mangelnden Vorbildern. Das hat uns dazu motiviert, weiter an unserer Unternehmenskultur zu arbeiten.

 

Anke Nehrenberg: Sie sind schwanger ins Unternehmen gekommen und haben es mit vier Kindern tatsächlich geschafft. Als Role Model hatten Sie sicherlich auch eine Vorbildfunktion?

 

Antje von Dewitz: Es hat eine entscheidende Rolle gespielt, dass ich die Argumente der Frauen nachvollziehen konnte. Vermutlich hätte man sonst gesagt: „Hey, so ist es eben.“

 

„Führung ist auch in Teilzeit möglich.“

Anke Nehrenberg: Und Sie haben sich dafür eingesetzt, eine Vereinbarkeit zu schaffen. War das ohne Widerstände möglich?

 

Es gab durchaus Widerstände, da man dachte, dass der, der am längsten arbeitet, auch am meisten leistet. Dass Führung allerdings auch in Teilzeit möglich ist, oder dass wichtige Besprechungen nicht mehr nach 17 Uhr angesetzt werden, musste erst einmal erlernt werden.

 

Anke Nehrenberg: Wie haben Sie das denn geschafft? Man kann ja nicht per se eine Kultur ändern.

 

Antje von Dewitz: Bei VAUDE haben wir traditionell die Bereitschaft, neue Wege zu gehen. Mir war es extrem wichtig, mit vier Kinder das Unternehmen zu leiten und trotzdem meiner Familie gerecht zu werden. Unter anderem deshalb war eine Umstellung hin zu einer Vertrauenskultur tatsächlich Chefsache.

Uns ist es wichtig, dass die Führungskräfte nicht die Rolle des Machtwortsprechers und des Entscheiders innehaben. Vielmehr sollten sie ein Rahmengeber sein, der Raum für eigenständiges Handeln lässt und zudem einen konstruktiven Dialog fördert. Entscheidungen sowie Probleme müssen hierarchieübergreifend angegangen werden. Außerdem legen wir viel Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance – mit flexiblen Arbeitszeiten, einer Homeoffice-Regelung und der Möglichkeit auch in Teilzeit Verantwortung zu übernehmen. Irgendwann waren dann auch die stärksten Kritiker überzeugt, dass die Veränderungen keine negativen Auswirkungen auf Effizienz, Effektivität oder Ergebnisse hatten. Das war für mich ein Meilenstein, weil ich finde, dass die Vertrauenskultur eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass Frauen bei uns gerne Verantwortung übernehmen.

 

Anke Nehrenberg: Haben Sie auch mal mit einem Mentorinnen-Programm oder ähnlichen Maßnahmen gearbeitet?

 

Antje von Dewitz: Führungskräfte und Mitarbeiter gehen bei uns durch Selbstwirksamkeits- und Kommunikationstrainings. Früher waren unsere Führungskräfte eher extrovertiert. Die Trainings haben dazu beigetragen, dass unterschiedliche Persönlichkeitstypen akzeptiert werden. Das hat Frauen in Führungspositionen auf jeden Fall gestärkt. Unsere einzige frauenspezifische Maßnahme war eine Workshop-Reihe für Frauen, die in männerdominierten Arbeitsumfeldern schon Senior-Positionen erreicht hatten. Diesen Frauen wollten wir zeigen, dass man sich bei uns nicht mehr über Härte durchsetzen muss, sondern dass es andere Wege gibt Ziele zu erreichen.

 

„Wir sind ein begehrter Arbeitgeber.“

Anke Nehrenberg: Sie sprachen vorhin Leistung und Produktivität an. Können Sie die Auswirkungen dieser Veränderungen konkret messen? Zum Beispiel bezogen auf Mitarbeiterzufriedenheit?

 

Antje von Dewitz: Wir haben eine sehr geringe Kündigungs- oder Fluktuationsrate von fünf Prozent. Wir haben eine branchenweit geringe Krankheitsquote. Wir haben keine Probleme, Fachkräfte zu finden. Dadurch, dass wir eine Kultur geschaffen haben, die nicht nur den karrierebegeisterten Männern gefällt, werden wir regelrecht als Arbeitgeber gesucht. Das heißt: Auch die Stimmung hier im Haus ist gut und die Motivation grundsätzlich hoch. Das bekommen wir immer wieder gespiegelt. Auch unsere Besucher sagen: „Wow, hier sind ja alle so nett.“

 

Anke Nehrenberg: Wie lange hat dieser Prozess in etwa gedauert?

 

Antje von Dewitz: „Das war ein langer Prozess. Bevor ich die Geschäftsführung übernahm, hatten wir bereits eine gesunde Unternehmenskultur. Meine Aufgabe war es nun, sie weiterzuentwickeln und verstärkt die Themen Vertrauenskultur und Selbstwirksamkeit zu verankern. Jetzt sind wir sehr weit. Aber wie es in einem Kulturwandel so ist: Ich glaube, der hört nie auf.“

 

„Kulturwandel hört nie auf.“

Anke Nehrenberg: Was waren die allergrößten Knackpunkte, die Sie aufgehalten haben oder die Sie vielleicht immer noch beschäftigen?

 

Antje von Dewitz: Die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ist ein Thema für uns, weil wir natürlich allen Mitarbeitern gerecht werden wollen. Wir leiten ein Kinderhaus, das von der Stadt gefördert wird, machen Teilzeit, Homeoffice und Sabbaticals möglich. Gleichzeitig müssen wir aber auch unternehmerisch sinnvoll arbeiten. Und da kommt es gelegentlich zu Konflikten. Alle Teilzeitkräfte möchten lieber vormittags arbeiten, Mitarbeiter hätten lieber feste Homeoffice-Tage, im Kinderhaus gibt es nicht genug Plätze für alle Kinder. Es gibt Zielkonflikte, weil man nicht alle Wünsche berücksichtigen kann, wenn es unternehmerisch einfach manchmal keinen Sinn macht.

 

Anke Nehrenberg: Welchen Rat würden Sie mit auf den Weg geben – sich selbst oder anderen, die gerade mit einem Veränderungsprozess wie diesen beginnen?

 

Antje von Dewitz: Absolut! Durch unsere Ausrichtung – wir sind ein sehr nachhaltiges Unternehmen – haben wir viele Herausforderungen und Zielkonflikte, weil wir gleichzeitig wirtschaftlich, aber auch sozial und ökologisch denken müssen. Diese Herausforderungen kann man nur durch Kreativität bewältigen, weil man immer wieder Pionierlösungen finden muss. Und eine wesentliche Voraussetzung, um das schöpferische Potenzial der Mitarbeiter freizusetzen ist, sie in die Verantwortung mit einzubeziehen und ihnen gleichzeitig eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu ermöglichen. Wir fordern sie ja ständig, neue Lösungen zu finden für eine lebenswerte Umwelt. Gleichzeitig geht es darum, das Unternehmen zukunftsfähig zu gestalten. Du brauchst Menschen, die sich mit Kopf und Herz einsetzen und mitdenken und das brauchst du immer stärker, gerade beim Thema Digitalisierung.

Wir kommen aus einer Zeit, in der vor allem dieser extrovertierte Typus im Vordergrund stand. Der wurde ernst genommen – auch in seinen Ansichten. Damit wurden ganz viele andere Themen einfach ausgeblendet: andere Ansätze, Gedankengänge, Prioritäten. Unsere Stärke kommt daher, dass wir es schaffen, Diversität als Pool zu nutzen, aus dem heraus neue Lösungen entstehen.

 

Anke Nehrenberg: Wie wichtig ist eine weiblich geprägte Führungskultur?

 

Antje von Dewitz: Sie ist ein wichtiger Baustein zur Zukunftssicherung eines Unternehmens. Die Firmen, denen es nicht gelingt, Frauen zu integrieren, schaffen für sich einen starken Nachteil. Nicht nur dadurch, dass sie die Hälfte des Fachkräftepools überhaupt nicht ausschöpfen, sondern auch dadurch, dass sie sich nicht zukunftsfähig aufstellen. Sie fahren sozusagen nur mit einem halben Motor. Man muss sich so divers wie möglich aufstellen, um gute und nachhaltige Lösungen für komplexe Herausforderungen zu finden.

 

„Mein Ziel ist 50:50.“

Anke Nehrenberg: Haben Sie denn eine Frauenquote im Unternehmen?

 

Antje von Dewitz: Langfristig möchte ich 50:50 erreichen. Bei der Abteilungsleitung haben wir 25 oder 30 Prozent Frauen, da wollen wir auf 40 Prozent kommen. Für mich steht aber nicht die Frauenquote im Vordergrund, sondern die Diversität.

 

Anke Nehrenberg: Im großstädtischen Umfeld ist das kulturelle Mindset ja schon anders. Würden Sie sagen, dass das eine Rolle spielt?

 

Antje von Dewitz: Hier sind wir in einem sehr traditionell geprägten Umfeld. Wir finden zwar auch Frauen, die Verantwortung übernehmen wollen. Aber vom Gefühl her gibt es hier viele Männer, die ihre Frau nachholen. Beziehungsweise sind sie hergezogen und die Frauen suchen jetzt neben der Familie auch eine Beschäftigung.

 

Anke Nehrenberg: Gibt es noch einen Punkt, der Ihnen beim Thema Frauen in Führung wichtig ist?

 

Antje von Dewitz: Vor einigen Jahren hätte ich noch gesagt, dass Frauen selbstbewusster verhandeln müssen. Aber die Frauen der kommenden Generation sind sehr klar in dem, was sie brauchen und wo sie hinwollen.

 

Anke Nehrenberg: Abschließend – was möchten Sie anderen Unternehmen mit auf den Weg geben?

 

Antje von Dewitz: Diversität ist ein Erfolgsfaktor. Es geht nicht darum, den Frauen einen Gefallen zu tun, sondern darum, sein Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen. Die Perspektive der MitarbeiterInnen ist wichtig ist und muss sich in der Kultur wiederspiegeln.

 

Anke Nehrenberg: Ich finde, das war ein gutes Schlusswort.

 

 

FAKTEN ZUM UNTERNEHMEN

Branche: Sportbekleidung und -ausrüstung

Anzahl Mitarbeiter (international): 500, Mehrheit in Deutschland

Umsatz (international): über 100 Millionen Euro (2018)

Frauenquote in Deutschland (erste drei Führungsebenen): 43 Prozent

 

DAS #30MIT30 TEAM BEI DIESEM INTERVIEW 

Interview: Anke Nehrenberg

Autorin: Janine Matthees

Lektorat: Nadine Bütow

Grafiken: Nadine Bütow

Social Media Kommunikation: Claire Zeidler

 

Projektleitung: Nadine Bütow

Initiatorin: Maren Martschenko

 

WAS IST #30MIT30?

#30mit30 ist eine Kampagne der Digital Media Women (#DMW), die wir 2019 gestartet haben. Dabei suchen wir 30 in Deutschland ansässige Unternehmen aus allen Branchen ab einer Größe von 100 Mitarbeitern, die in den ersten drei Führungsebenen einen Frauenanteil von mindestens 30 Prozent vorweisen können. Dieser Anteil muss innerhalb eines Zeitraumes von drei bis fünf Jahren erreicht worden sein.

 

Wir wollen zeigen, dass und wie es in Unternehmen gelingen kann, den Anteil an Frauen in Führungspositionen auf 30+ Prozent zu erhöhen! Wir wollen den Weg dieser Erfolgsgeschichten sichtbar machen und die Ergebnisse mit Wirtschaft, Politik und Gesellschaft teilen. Unsere Kampagne soll Quelle der Inspiration und Impulsgeber für andere Unternehmen sein, die sich auf den gleichen Weg begeben wollen – aber nicht wissen, wie. #30mit30 schreibt positive Geschichten über die Machbarkeit von Vielfalt in Führungsetagen, ihre Wirksamkeit und die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen in Deutschland. Mehr erfahrt Ihr in unserem One-Pager zu #30mit30 oder im FAQ.

 

Bewerbungen sind über unsere Website oder per Email an 30mit30@digitalmediawomen.de möglich.

 

UNSER PARTNER

Wir danken unserem Medienpartner Newsaktuell für die Unterstützung der #30mit30 Kampagne. Wenn Du die Kampagne #30mit30 unterstützen möchtest, als Medienpartner oder Firmen-Sponsor, schreibe uns unter 30mit30@digitalmediawomen.de.

 

Wie Du #30mit30 unterstützen kannst:

Wir würden uns freuen, wenn Du den Erfolg der Kampagne aktiv gestaltest und begleitest. Das kannst Du folgendermaßen tun:

  1. Teile die Inhalte und Vorbilder der Kampagne unter dem Hashtag #30mit30 auf Deinen Online-Kanälen und berichte interessierten Menschen und Unternehmen von der Kampagne.
  2. Blogge oder schreibe als JournalistIn über die Kampagne. Hier geht es zum Pressekontakt.
  3. Unterstütze die ehrenamtliche Arbeit der Digital Media Women und werde #DMW-Fördermitglied. Unternehmen können uns mit einem #30mit30-Kampagnen-Sponsoring unterstützen.

 

Fotocredits: © VAUDE/Frank Fendler, © VAUDE/Nicole Maskus-Trippel


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